Wen kann man für die Verbrechen in Gaza einen Gott um Vergebung bitten? »

Ich empfinde große Freude über die Waffenstillstandsvereinbarung in Gaza und die Freilassung der israelischen Geiseln. Doch in meine Freude mischt sich ein ganz weiteres Gefühl. All dies kommt sehr spät, viel zu spät: So viel Leid und Tod wäre nicht nötig gewesen! Selbst wenn der Waffenstillstand schrittweise zu einem dauerhaften Frieden führen würde, wie könnte man vergessen, dass [der israelische Premierminister] Benyamin Netanjahu und seine Armee über ein Jahr lang die Zivilbevölkerung ausgehungert und massakriert haben? Dass sie die meisten Häuser, Krankenhäuser und Schulen in Gaza zerstört haben; und dass die extremistischsten Mitglieder seiner Regierung immer noch eine jüdische Besiedlung dieses Gebiets und die Vertreibung seiner Bewohner in Erwägung ziehen?

Mit diesem Vorgehen haben die israelische Rechte und die extreme Rechte alle Juden zu Mitschuldnern gemacht, die Juden in Israel wie die Juden in der Diaspora. Sie haben sie zu Komplizen ihrer Verbrechen gemacht. Sie taten dies im Namen des jüdischen Volkes, d. h. auch „in meinem Namen“. Zum ersten Mal in meinem Leben empfinde ich eine Scham, Jude zu sein. Aber es ist nicht die Scham von damals, die Scham derer, die man beschimpfte, erniedrigte und in Ghettos parkte: Es ist ein neues Gefühl von Scham, die in der langen Geschichte unseres Volkes ungewöhnlich ist: die Scham, an einem Blutbad mitschuldig zu sein.

Als Sohn von Überlebenden des Holocaust bin ich in Frankreich geboren. Ich habe dort in Frieden gelebt, wo ich nie Zielscheibe oder gar direkter Zeuge einer antisemitischen Handlung oder Äußerung war. Die Katastrophe, die so viele meiner Angehörigen ausgelöscht hatte, war für mich ein Vorteil: Sie hat mir ein robustes gutes Gewissen beschert. Sie hat mir die Gewissheit verschafft, stets auf der richtigen Seite zu stehen, auf der Seite der Opfer der Geschichte, auf der Seite derer, denen Unrecht angetan wurde, und das hat mich davon abgehalten, ein weiteres Unrecht zu sehen, dessen Komplize ich wider Willen wurde.

Aus dem unsäglichen Schrecken der Schoah war der Staat Israel entstanden, ein Zufluchtsort für alle verfolgten Juden. Für Überlebende wie meine Eltern bedeutete das die Hoffnung, dass der Schrecken der Shoa sich vielleicht nie mehr wiederholen würde. Die Existenz Israels war also ein Segen. Jede seiner Maßnahmen war gesegnet. Das machte es überflüssig, die Ungerechtigkeiten vor und nach seiner Geburt zu hinterfragen.

Ich reiste mehrmals nach Israel. Zunächst mit meinen Eltern, die ihre Freunde von früher wiedersehen wollten – die wenigen, die den Holocaust überlebt hatten. Dann als Teenager, um in einem Kibbuz in Galiläa bei der Obsternte zu helfen. Und noch vor kurzem als Gast von Universitäten. Ich habe mich in diesem Land nie „zu Hause“ gefühlt, und doch war ich glücklich, dort zu sein, glücklich, dass ich dort sein durfte. Ich hatte das Gefühl, an dem aufregenden Abenteuer der Pioniere teilzunehmen, die, wie man mich gelehrt hatte, „die Wüste wieder zum Blühen gebracht“ hatten, ohne dafür einen Preis zu zahlen.

Um Vergebung bitten

Ich wusste nicht und wollte auch nicht wissen, dass dieses Land nie menschenleer gewesen war; dass es bereits einem anderen Volk gehört hatte und dass es ihm weggenommen worden war; dass die Staatsgründung Hunderttausende Männer und Frauen ins Exil gezwungen hatte; dass diese Ungerechtigkeit zu immer mehr Ungerechtigkeit, zu immer mehr Gewalt geführt haben. Ich wollte nicht sehen, dass sich David nach und nach in einen Goliath verwandelt hatte. Die Leidenschaft in Ignoranz ist eine starke Leidenschaft. Sie wird erst richtig skandalös, wenn sie denjenigen erfasst, der sich „Philosoph“ nennt.

Im Gegensatz zu anderen Religionen legt das Judentum mehr Wert auf die Praxis als auf den Glauben. Man kann beten, ohne unbedingt „gläubig“ zu sein. Als die junge Hannah Arendt einem Rabbiner sagte, sie habe „den Glauben verloren“, antwortete dieser: „Wer hat Sie gebeten, Glauben zu haben?“ Mein Vater bezeichnete sich selbst als „Anarchist und Atheist“ (und zur Empörung seiner Freunde behauptete er, dass die Palästinenser ein Recht auf ihren Staat hätten). Das hinderte ihn jedoch nicht daran, der Vorsänger unserer kleinen Gemeinschaft zu sein und an Feiertagen unter Tränen die Gebete zu singen. Ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, als ich es wagte, ihn zu fragen, warum er betete, obwohl er sich selbst als Atheist bezeichnete. Er antwortete mir: „Ich bete für die Toten“. Als ich erwachsen wurde, beschloss ich, seinem Beispiel zu folgen. Es schien mir möglich, mich an einen Gott zu wenden, ohne zu wissen, ob es ihn irgendwo gab und ob er meine Stimme hören würde.

In diesem Jahr habe ich damit aufgehört. Wie können wir um Vergebung für unsere Fehler bitten, wenn wir mit denen beten, die ein Massaker gutheißen? Um den Unsterblichen anzurufen, muss ein Jude dies zusammen mit anderen Juden tun – mindestens zehn von ihnen -, denn ihre Anrufung ist die eines Volkes, das seinen Bund jedes Mal erneuert, wenn es sich an seinen Gott wendet. Dieses Volk ist es, das heute fehlt.

Wilde Aggression

Fehlen ist schlimmer als ein Fehler, denn der, der den Fehler begeht, kann ihn früher oder später zugeben und um Vergebung bitten, während der, der fehlt, sich nicht einmal als Täter zu erkennen geben kann. So ergeht es mittlerweile einem sehr großen Teil der Israelis. Sie sagen: „Für uns ist jeden Tag der 7. Oktober“für sie selbst, aber auch für die unschuldigen palästinensischen Zivilisten, die ihre Armee massakriert hat. Die grausame Aggression, die Israel erlitten hat, hat es geblendet, betäubt und ihm jeglichen ethischen Sinn und jegliches Mitgefühl für die anderen Opfer dieses Krieges genommen. Daran mangelt es diesem Volk.

Habe ich mein Volk „verraten“, indem ich gegen das Blutvergießen protestiert habe, wie es mir schon vorgeworfen worden ist? Hat dieses Volk sich selbst verraten? „Lo-‚Ammi“, „nicht mein Volk“: Eine Stimme hatte Hosea, einem Propheten aus biblischer Zeit, befohlen, seinen Sohn so zu nennen. Die Stimme erklärte ihm: „Ihr seid nicht mein Volk, und ich bin nicht euer Gott. Aber es wird ein Tag kommen„, fährt die Stimme fort, ‚ an dem ich vergeben werde, an dem ich zu dem Nicht-Meinem-Volk sagen werde: ‘Du bist mein Volk‚, und es wird mir antworten: ‘Mein Gott‘.“

Wer wird heute für uns prophezeien? Wer wird uns diese Zehntausende von hungernden, verstümmelten und getöteten Männern, Frauen und Kindern vergeben, wenn es uns nicht gelingt, für diese Verbrechen um Vergebung zu bitten? Wenn ich es schaffe, wieder zu beten, werde ich für ein zukünftiges Volk beten, ein Volk, das des Bundes würdig ist.

Vov Jacob Rogozinski, Philosoph, Universität Strasbourg

Buchempfehlung

Die reale Unglaublichkeit

„Gaza ist zerstört und verwüstet, unbewohnbar, und so wird es auch bleiben. Lassen Sie sich nicht von der Freude unserer Feinde beeindrucken, das ist eine animalische Gesellschaft, die den Tod feiert und auf den Trümmern ihres Lebens tanzt. Sehr bald werden wir ihr Lächeln wieder auslöschen und es durch Schreie der Trauer und das Wehklagen derer ersetzen, die mit nichts zurückgelassen werden.“

Bezalel Smotrich, israelischer Finanzminister, ynet, 18.01.2025

„Während der lang ersehnte Waffenstillstand im Gazastreifen in Kraft trat, verstärkte die israelische Todesmaschinerie ihre Angriffe im Westjordanland und tötete heute in Jenin zehn Menschen. Wenn Israel nicht gezwungen wird, damit aufzuhören, wird sich der Völkermord an den PalästinenserInnen nicht auf den Gazastreifen beschränken. Merken Sie sich meine Worte.“

Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin, 21. Jänner 2025

„Israel hat am zweiten Tag von Trumps Präsidentschaft die „Operation Eiserne Mauer“ im Westjordanland in Jenin gestartet. Sie ist benannt nach Jabotinskys Essay „Die eiserne Mauer“ von 1923. Hier ein Auszug davon:

„Die zionistische Kolonisierung muss entweder enden, oder sie muss ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung weitergehen. Das bedeutet, dass sie nur unter dem Schutz einer von der einheimischen Bevölkerung unabhängigen Regierung stattfinden und sich entwickeln kann –hinter einer eisernen Mauer, die die einheimische Bevölkerung nicht durchbrechen kann.““

Heidi Matthews, Professorin für Internationales Strafrecht, Toronto, 21.01.2025

„Das Westjordanland steht in Flammen.

Und ausgerechnet jetzt, wo die Dörfer in Flammen stehen, hat Trump beschlossen, Bidens Sanktionen gegen extremistische Siedler aufzuheben. Trump hat es übernommen, diesen Siedlern eine Botschaft zu senden – sie werden nicht nur vor Ort nie zur Rechenschaft gezogen werden, sondern ihnen wird von den Vereinigten Staaten auch freie Hand über das Leben der Palästinenser gelassen.“

Standing Together, 22.01.2025

Während sich die Aufmerksamkeit der deutschsprachigen Medien auf die Freilassung von drei israelischen Geiseln aus der Gefangenschaft der Hamas richtete, wurde der Freilassung von 90 Palästinenserinnen und Palästinenser aus israelischen Gefängnissen – die meisten von ihnen waren monatelang ohne Anklage festgehalten worden – weit weniger Beachtung geschenkt. Die ersten Austauschmaßnahmen im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens für den Gazastreifen sollten mehr oder weniger zeitgleich stattfinden, doch Israel verzögerte die Freilassung aus dem Ofer-Gefängnis im besetzten Westjordanland um rund sieben Stunden, so dass die Familien der Gefangenen bis ein Uhr nachts warten mussten, um wieder mit ihren Angehörigen vereint zu sein.

Unter den Freigekommenen befanden sich auch drei palästinensische Journalistinnen: Rula Hassanein, Bushra Al-Tawil and Ashwaq Awad. Rula Hassanein beispielsweise wurde am 19. März 2024 bei einer Hausdurchsuchung in ihrem Haus in Bethlehem im besetzten Westjordanland verhaftet. Die Armee beschlagnahmte ihren Laptop und ihr Telefon. Hassanein, die für die in Ramallah ansässige Wattan News Agency und zuvor für das Quds News Network gearbeitet hatte, ist für ihre Berichterstattung über die israelische Besatzung und Menschenrechtsverletzungen bekannt. Sie wurde vor ein israelisches Militärgericht im israelischen Ofer-Gefängnis gestellt und wegen „Aufwiegelung in sozialen Medien“ angeklagt, weil sie Beiträge auf Facebook veröffentlicht hatte. Als Rula Hassanein verhaftet wurde, musste sie ihre neun Monate alte Tochter, die sie noch stillte, bei ihrem Mann zurücklassen, was sie in eine psychische Ausnahmesituation brachte. In einem Interview schildert sie, wie sie sich immer wieder an einen Kopfpolster klammerte mit dem Gedanken, er wäre ihr Kind. Trotz mehrfacher Aufrufe von internationalen journalistischen Vereinigungen wie beispielsweise CPJ (Komitee zum Schutz von Journalisten), Rula Hassanein sofort freizulassen, blieb sie in Haft. Seit Nach zehn Monaten Haft in einem israelischen Gefängnis ist die Journalistin wieder mit ihrem Mann und ihrer Tochter vereint.

Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem veröffentlichte dazu ein Statement mit dem Titel

„So sieht ein Waffenstillstand nicht aus“:

„Seit über 15 Monaten führt Israel einen gnadenlosen Krieg gegen das gesamte palästinensische Volk. Seit Israel und die Hamas am 19. Januar 2024, einen vorübergehenden Waffenstillstand im Gazastreifen und ein Abkommen über die Freilassung von Geiseln und Gefangenen verkündet hatten, hat Israel seine Gewalt gegen die palästinensische Bevölkerung im Westjordanland intensiviert. Israel ist weit davon entfernt, das Waffenstillstandsabkommen mit den Palästinensern dem Geiste nach einzuhalten, und hat auch weiterhin nicht die Absicht, dies zu tun. Stattdessen verlagert es lediglich seinen Aggressionsschwerpunkt von Gaza auf andere von ihm beherrschte Gebiete im Westjordanland.

Kaum war die Tinte auf dem Waffenstillstandsabkommen getrocknet, blockierte die israelische Armee die meisten Zugänge zu und von palästinensischen Dörfern und allen Städten im Westjordanland, wodurch das tägliche Leben von mehr als drei Millionen PalästinenserInnen schwer beeinträchtigt wurde: SchülerInnen konnten ihre Schulen und Universitäten nicht erreichen, PatientInnen hatten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und Arbeitnehmer konnten ihre Arbeitsplätze nicht erreichen. Bei einer Reihe von militärischen Angriffen, unter anderem in Sabastiya, ‚Azzun, Jenin, Beit Furik und Hebron, sind bereits neun Palästinenser ums Leben gekommen, darunter mindestens ein Minderjähriger. Dutzende wurden verletzt und Dutzende wurden bei Massenverhaftungen in Gewahrsam genommen.

In den letzten beiden Nächten wurde das Westjordanland von einer Welle der Gewalt durch Siedler heimgesucht. Unter den Augen von Soldaten griffen Israelis palästinensische Dörder an, versuchten, Häuser mit ihren BewohnerInnen in Brand zu setzen, fackelten Autos ab und richteten wüste Sachschaden an, unter anderem in Turmusaya, al-Funduq, Sinjil, Al-Mughayyir und Jinsafut. Die Angreifer selbst erklärten, diese Pogrome seien Racheakte für die Freilassung palästinensischer Gefangener im Rahmen des Abkommens. Siedler halten auch wichtige Kreuzungen im Westjordanland blockiert. Vorbeifahrende palästinensische Fahrzeuge bewerfen sie mit Steinen.

Wenn man noch die militärischen Aktivitäten der israelischen Armee im Westjordanland zwei Tage vor Inkrafttreten des Waffenstillstandsabkommens für den Gazastreifen zu den offiziellen Kriegszielen hinzufügt, spricht das Bände über die wahren Absichten der israelischen Regierung. Die israelische Regierung, die von den Amerikanern und Saudis gezwungen wurde, die Kämpfe in Gaza einzustellen, nutzt diese Pause als Gelegenheit und Ersatz, die Repressalien gegen die palästinensische Bevölkerung im Westjordanland zu verschärfen.

So sieht ein Waffenstillstand nicht aus.“

Im ersten (gekürzten) Beitrag von Sharif Abdel Kouddos und Mariam Barghouti geht es um eine groß angelegte Invasion israelischer Einheiten im Westjordanland, bei der mehrere Menschen getötet und über 90 Personen verhaftet wurden.

Im zweiten (gekürzten) Beitrag berichtet Cody O’Rourke von der Organisation „The Good Sheperd Collective“ über die massiv zunehmenden Angriffe auf die palästinensische Bevölkerung und ihr Eigentum durch israelische Siedler. UN-OCHA berichtet, dass im Jahr 2024 1.420 Fälle von Siedlergewalt dokumentiert wurden, das entspricht fast vier Angriffen pro Tag.

Im dritten Beitrag geht es um die wirtschaftlich katastrophale Situation vieler Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland, deren – auch schon vor Oktober 2023 hohe – Arbeitslosenquote sich verdreifacht hat. Der Journalist Haitham S. schreibt: „In meinem Dorf Umm Al-Khair in den südlichen Hebron-Hügeln haben die meisten Familien keine Einkommensquelle mehr. Zusätzlich zu der beängstigenden Zunahme der Angriffe von Siedlern und der Zerstörung von Häusern in unserer Gemeinde stehen die meisten BewohnerInnen nun vor dem finanziellen Ruin.“

______________________

Nur Tage nach der Unterzeichnung der „Waffenruhe“ in Gaza marschiert die israelische Armee in Jenin ein

Die israelische Führung lässt durchblicken, dass die Operation im Rahmen eines geheimen Abkommens während der Abstimmung über die Waffenruhe in Gaza geplant wurde.

Von Sharif Abdel Kouddos und Mariam Barghouti, 21. Jänner 2025

(Vollständiger Originalbeitrag in englischer Sprache: https://www.dropsitenews.com/p/israel-invades-jenin-days-after-gaza-ceasefire)

Vorwort von Sharif Abdel Kouddos:

Weniger als 24 Stunden nach der Amtseinführung von Präsident Donald Trump haben die israelischen Streitkräfte eine nach eigenen Angaben groß angelegte Operation im besetzten Westjordanland eingeleitet, darunter eine groß angelegte Invasion in Jenin. Israelische Minister haben angedeutet, dass die Militäroperationen Teil einer Abmachung sind, die der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu mit seinem Kabinett getroffen hat, um es davon zu überzeugen, dem „Waffenstillstand“ in Gaza zuzustimmen.

Das von Trump ernannte nationale Sicherheitsteam und israelische Beamte haben das Gaza-Abkommen als etwas dargestellt, das Israel nicht einzuhalten gedenkt. Während Trump seine unbestreitbare Rolle bei der Erzwingung eines Abkommens gefeiert hat, hat er auch angedeutet, dass er nicht glaubt, dass das Abkommen Bestand haben wird. Gestern Abend gab er eine Reihe von Erklärungen zum Gaza-Streifen ab und sagte: „Das ist nicht unser Krieg, das ist ihr Krieg. Aber ich bin nicht zuversichtlich“ und fügte hinzu, dass der Gazastreifen ein ‚phänomenaler Ort am Meer‘ sei und dass ‚einige schöne Dinge damit gemacht werden könnten‘.

Während am Sonntag in Ramallah 90 palästinensische Gefangene im Rahmen des Austauschs von drei in Gaza festgehaltenen Israelis freigelassen wurden, sind allein in den letzten 24 Stunden über 90 Palästinenser im Westjordanland festgenommen worden. Unterdessen hat die Gewalt durch israelische Soldaten und Siedler seit Sonntag im gesamten Westjordanland zugenommen. Die Journalistin Mariam Barghouti berichtet aus dem Westjordanland und sprach während der israelischen Angriffe mit EinwohnerInnen in Jenin.

Israel hat (21.01.2025) eine groß angelegte Militäroperation gegen Jenin im besetzten Westjordanland eingeleitet und die Stadt mit Truppen, Militärfahrzeugen und Bulldozern überfallen, unterstützt von Luftangriffen, Drohnen und Apache-Hubschraubern. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums in Ramallah wurden bei der Operation, die Israel als „Operation Eiserne Mauer“ bezeichnet hat, mindestens neun Palästinenser getötet und mehr als 40 verletzt.

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, das Ziel der „groß angelegten und bedeutenden Militäroperation“ sei es, „den Terrorismus in Jenin auszurotten“.

„Wir gehen systematisch und entschlossen gegen die iranische Achse vor, wo immer sie sich ausbreitet – ob im Gazastreifen, im Libanon, in Syrien, im Jemen oder in Judäa und Samaria [so bezeichnet Israel das besetzte Westjordanland, Anm.] – wir werden unsere Bemühungen fortsetzen“, schrieb Netanjahu in einem Beitrag auf X.

Israelische Soldaten stürmten am Dienstagnachmittag vom Militärkontrollpunkt Jamaleh aus die Stadt, nachdem eine Spezialeinheit in das Gebiet eingedrungen war, wie lokale Journalisten in Jenin berichteten. „Gegen 13.00 Uhr waren israelische Spezialeinheiten in der Nähe unseres Hauses westlich des Lagers, und es wurde heftig geschossen“, berichtet Susan Mahajneh, 35-jährige Bewohnerin des Lagers, gegenüber Drop Site News.

„Ich zog die Kinder an und wir machten uns auf den Weg nach draußen, denn die Gefahr im Lager wurde immer größer, scharfe Munition wurde abgefeuert, während Apache-Hubschrauber über uns kreisten“, so Mahajneh. „Ich trug meine Kinder auf dem Arm, während sie vor Angst weinten, und lief weiter in Richtung Ibn-Sina-Krankenhaus, um Sicherheit und Zuflucht zu finden.“ Mahajneh sucht jetzt Schutz bei einem Verwandten, der außerhalb des Lagers lebt. „Es war unglaublich schwierig zu fliehen, da die israelischen Streitkräfte in unsere Richtung schossen, um uns zurück ins Haus zu zwingen“, sagte sie, “aber ich weigerte mich und bestand darauf, dass wir gehen, damit ich meine Kinder vor dem, was noch kommen wird, schützen kann.“

AugenzeugInnen und ZivilistInnen im Lager berichten, dass die israelischen Streitkräfte das Flüchtlingslager von Jenin umzingelt haben und dass Scharfschützen auf jeden schießen, der versucht, das Lager zu verlassen. „Die Menschen haben versucht, während der israelischen Invasion aus dem Lager zu fliehen, aber nur wenige konnten entkommen. Andere sitzen an den Rändern des Lagers fest und können es nicht verlassen“, sagte Ahmad, ein 26-jähriger Bewohner des Lagers, gegenüber Drop Site, wobei er anonym bleiben wollte.

Während er sprach, ertönten im Hintergrund Explosionen und Schüsse. „Sie haben gerade das Gebiet, in dem wir uns befinden, mit einem Luftschlag angegriffen“, sagt er. Laut Ahmad war der zweite Luftangriff innerhalb von drei Stunden auf einen Bereich gerichtet, in dem Krankenwagen im Lager stationiert sind. Außerdem rissen israelische Bulldozer eine Reihe von Straßen in der Stadt auf und zerstörten sie.

Unter den von den israelischen Streitkräften am Dienstag getöteten Personen war auch ein Zivilist namens Abed Alwahhab Saadi. Auf im Internet veröffentlichten Aufnahmen ist er zu sehen, wie er unbewaffnet eine leere Straße entlanggeht, als er plötzlich unter Beschuss gerät und zu rennen beginnt, bevor er erschossen wird und mit dem Gesicht nach unten zu Boden fällt. Ein weiteres schockierendes Video zeigt, wie eine Familie während der Fahrt in ihrem Auto wiederholt unter Beschuss gerät und dabei Berichten zufolge ein weiterer Zivilist, Ahmed Nimer Obeidi, getötet wird.

Mindestens drei Ärzte und zwei Krankenpfleger wurden in den ersten zwei Stunden nach dem Einmarsch durch israelische Schüsse verletzt. Die israelischen Streitkräfte belagerten auch das Al-Amal-Krankenhaus in der Nähe des Lagers und feuerten mit scharfer Munition, während sie die Sanitäter daran hinderten, die Verletzten zu erreichen. Gleichzeitig berichteten BewohnerInnen, dass israelische Truppen überall in der Stadt Häuser von ZivilistInnen gewaltsam eingenommen und in behelfsmäßige Militärstellungen umgewandelt haben.

Um 17.00 Uhr am Dienstag hatte das israelische Militär den gesamten Bezirk Jenin zur militärischen Sperrzone erklärt und in mindestens sechzehn umliegenden Städten und Dörfern aktive Operationen durchgeführt.

Die Operation am Dienstag fand nur zwei Tage nach Beginn der „Waffenruhe“ im Gazastreifen statt, deren erste Phase sechs Wochen andauern soll. Israelischen Ministern und Medienberichten zufolge sind die Militäroperationen in Jenin und anderen Gebieten des Westjordanlandes Teil einer Vereinbarung, die Netanjahu mit seinem Kabinett vor der Waffenruhe im Gazastreifen getroffen hat.

Am Dienstag erklärte der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich, dass der israelische Angriff auf Jenin die „Sicherheitslage“ im Westjordanland verändern solle. „Nach dem Gazastreifen und dem Libanon haben wir heute mit Gottes Hilfe damit begonnen, das sicherheitspolitische Konzept auch in Judäa und Samaria zu ändern und eine Kampagne zur Ausrottung des Terrorismus in der Region zu starten“, so Smotrich in einem Beitrag auf X. Diese Operationen, fügte er hinzu, sei ein „Teil der Kriegsziele, die vom [Sicherheitskabinett] am Freitag auf Antrag der Partei des Religiösen Zionismus hinzugefügt wurden“, und bezog sich dabei auf die Kabinettsgespräche über den Waffenstillstand im Gazastreifen am vergangenen Wochenende. Außerdem bezeichnete er die Operation Eiserne Mauer als Teil einer Strategie zum Schutz der SiedlerInnen.

Die israelische Militäroperation in Jenin ist Teil eines umfassenderen Angriffs auf palästinensische Dörfer und Städte im gesamten Westjordanland. An dem Tag, an dem die „Waffenruhe“ im Gazastreifen in Kraft trat, führten israelische Sicherheitskräfte Angriffe in mehreren Städten im Westjordanland durch, schlossen Kontrollpunkte und richteten in anderen Gebieten „fliegende“ – oder neue – Checkpoints ein, während sie die Eingänge zu größeren Städten, darunter Ramallah und al-Khalil (Hebron), abriegelten. Aufgrund der israelischen Abriegelung konnten viele der 90 palästinensischen Gefangenen, die am Sonntag in Ramallah freigelassen wurden, nicht zu ihren Familien in verschiedenen Städten im Westjordanland zurückkehren.

Am Montag führte das israelische Militär einen Angriff in der Stadt Azzun im östlichen Qalqilya durch und verhaftete 64 Palästinenser, darunter auch Kinder. Im Internet veröffentlichte Aufnahmen zeigen, wie Männer und Jungen gezwungen werden, sich mit dem Gesicht nach unten auf die Straße zu legen, bevor sie in einer langen Reihe abtransportiert werden. In den letzten 24 Stunden wurden im Westjordanland über 90 Palästinenser festgenommen.

Israelische Siedler haben auch eine Reihe von Städten und Dörfern angegriffen, Häuser und Fahrzeuge von palästinensischen Familien in Brand gesetzt, Straßen blockiert und Steine geworfen. In Sebastia, Nablus, erschossen israelische Streitkräfte einen 14-jährigen palästinensischen Jungen.

In einer Erklärung vom Montag zeigte sich das UN-Menschenrechtsbüro „beunruhigt über eine neue Welle der Gewalt durch Siedler und israelische Soldaten im besetzten Westjordanland, die mit der Umsetzung des Waffenstillstandsabkommens für den Gazastreifen und der Freilassung von Geiseln und Gefangenen zusammenfällt. Dies ging einher mit einer zunehmenden Einschränkung der Bewegungsfreiheit der PalästinenserInnen im gesamten Westjordanland, einschließlich der vollständigen Schließung einiger Checkpoints und der Errichtung neuer Tore, wodurch ganze Gemeinden faktisch eingeschlossen werden.“

Unterdessen hob US-Präsident Donald Trump in Washington die Sanktionen gegen eine Reihe israelischer SiedlerInnen im Westjordanland auf, indem er kurz nach seinem Amtsantritt eine Durchführungsverordnung erließ, um die von der Regierung Biden verhängten Maßnahmen aufzuheben.

Trump sagte auch, er sei nicht zuversichtlich, dass die Waffenstillstandsvereinbarung für den Gazastreifen halten werde. „Das ist nicht unser Krieg, es ist ihr Krieg. Aber ich bin nicht zuversichtlich“, sagte er aus dem Oval Office. „Ich habe mir ein Bild von Gaza angesehen – Gaza ist wie eine riesige Abrissbude. Dieser Ort muss wirklich auf eine andere Art und Weise wieder aufgebaut werden“, sagte er und fügte hinzu, dass der Gazastreifen ein ‚phänomenaler Ort am Meer‘ sei und dass ‚einige schöne Dinge damit gemacht werden könnten‘.

Mariam Barghouti ist Schriftstellerin und Journalistin und lebt im Westjordanland. Sie ist Mitglied des Marie Colvin Journalist Network.

Sharif Abdel Kouddous ist unabhängiger Journalist, acht Jahre lang war er als leitender Produzent, Co-Moderator und Korrespondent für die unabhängige Fernseh- und Radionachrichtensendung Democracy Now! tätig.

_______________

Nach der Zerstörung des Gazastreifens wendet sich Israel dem Westjordanland zu

 Seit gestern führt das israelische Militär eine groß angelegte Razzia im Flüchtlingslager Jenin im Westjordanland durch, bei der mindestens zehn Palästinenser getötet und mehr als 35 verletzt wurden. Die von den israelischen Streitkräften als „Eiserne Mauer“ bezeichnete Operation zielt zweifellos auf eine Eskalation der Gewalt im gesamten Westjordanland ab, um die rechten Gruppierungen zu besänftigen, die Netanjahus Koalition zu sprengen drohen – nämlich Betzalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir.

Von Cody O’Rourke, The Good Sheperd Collective, 22. Jänner 2025

(Vollständiger Originalbeitrag in englischer Sprache: https://goodshepherdcollective.org/posts/2025/01/22/after-the-destruction-of-gaza-israel-turns-to-west-bank)

Schon vor der Ankündigung des so genannten Waffenstillstandsabkommens haben die israelischen Streitkräfte und Siedler die Gewalt und die Einschränkungen im besetzten Westjordanland deutlich verschärft: Zwischen dem 7. und 13. Januar töteten israelische Streitkräfte sechs Palästinenser, darunter drei Kinder, und verletzten 38 weitere. Bei Luftangriffen im Flüchtlingslager Jenin am 14. und 15. Januar wurden 12 Palästinenser, darunter ein Kind, getötet.

Die Eskalationen des israelischen Staates haben seit der Ankündigung eines Waffenstillstands nun noch weiter zugenommen. Israelische Siedler, die unter dem Schutz des Staates stehen, verübten im gesamten besetzten Westjordanland gewalttätige Angriffe, setzten palästinensische Häuser, Fahrzeuge und Grundstücke in Brand und verletzten mindestens 21 PalästinenserInnen. Ziel der koordinierten Angriffe waren die Dörfer Jinasfut, Funduq, Masafer Yatta, Sinjil, Ein Siniya und Turmus Aya. Die Siedler brannten Häuser, eine Gärtnerei und Fahrzeuge nieder, griffen PalästinenserInnen an und beschädigten ihr Eigentum. Die Angriffe sind Teil einer immer weiter eskalierenden Routine der Gewalt, die darauf abzielt, die palästinensischen BewohnerInnen aus ihren Gemeinden zu vertreiben.

Am 9. Januar setzten Siedler, die vermutlich aus der Siedlung Shilo stammen, ein landwirtschaftliches Gebäude im Dorf Khirbet Abu Falah nahe Ramallah in Brand. Am folgenden Tag, dem 10. Januar, zerstörten Siedler eines neuen Außenpostens in der Nähe des Dorfes Bardala im nördlichen Jordantal mehr als 100 palästinensische Olivenbäume und schikanierten Bauern, die den Schaden begutachten wollten. Sie riefen daraufhin die israelischen Streitkräfte, die vier Palästinenser festnahmen und die Olivenbauern mit der Begründung, es handele sich um eine Militärzone, aus dem Gebiet vertrieben. Am nächsten Tag, dem 11. Januar, griffen bewaffnete Siedler den Außenbezirk von Turmus’ayya in Ramallah an, beschädigten zwei Häuser und brachen in landwirtschaftliche Einrichtungen ein. Als die Siedler weiter in die Stadt vordrangen, kam es zu Zusammenstößen, bei denen vier Palästinenser, darunter ein Kind, durch Steinwürfe verletzt wurden. Berichten zufolge wurden keine Siedler verletzt. Im zentralen Westjordanland stürmten bewaffnete Siedler am selben Tag Barriyet Kisan in Bethlehem. Sie warfen Steine auf palästinensische Häuser und warfen einen Molotowcocktail auf ein Haus. Bei dem Angriff wurde ein Haus teilweise beschädigt und Futter für das Vieh zerstört, nachdem in einem anderen Gebäude ein Feuer ausgebrochen war.

Im Schulterschluss mit den Siedlern setzten israelische Soldaten Tränengas ein. Der Palästinensische Rote Halbmond behandelte die Verletzten, von denen auch viele durch Schläge Prellungen erlitten hatten.

Auch wenn die Gewalt in Jenin im Mittelpunkt des Interesses steht, darf nicht vergessen werden, dass der israelische Staat seit Anfang des Jahres bereits 27 Militäroperationen in Ostjerusalem und im Westjordanland durchgeführt hat, bei denen 71 Häuser und Gebäude zerstört und 107 Palästinenser während des Winters vertrieben und obdachlos gemacht wurden. Im Flüchtlingslager Jenin haben die laufenden Militäroperationen seit Dezember 2024 2.000 Familien vertrieben, während die verbliebenen 3.400 Bewohner mit einem Mangel an Lebensmitteln, Wasser und Strom zu kämpfen haben.

Cody O’Rourke ist Mitarbeiter der palästinensischen Organisatiom The Sheperds Collective. Sein sehr lesenswerter (englischsprachiger) Blog über sein Leben und seine Arbeit in Palästina/Israel kann unter https://medium.com/cody-orourke abgerufen werden.

_____________________________

Im Westjordanland ist palästinensische Arbeitslosigkeit jetzt israelische Politik

Nach dem 7. Oktober hat Israel die Arbeitserlaubnis von mehr als 150 000 PalästinenserInnen widerrufen. Zusätzlich zu den zunehmenden Angriffen der Siedler steht mein Dorf vor dem finanziellen Ruin.

Von Haitham S., +972Mag, 21. Januar 2025

(Originalbeitrag in englischer Sprache: https://www.972mag.com/west-bank-unemployment-permits-israel/)

Seit dem Beginn des israelischen Angriffs auf den Gazastreifen im Oktober 2023 leidet die palästinensische Bevölkerung im besetzten Westjordanland unter einer akuten Krise von Arbeitslosigkeit. In den ersten sechs Monaten des Krieges hat sich die [ohnehin auch vorher schon hohe, Anm.] Arbeitslosenquote fast verdreifacht, und mehr als 300.000 ArbeitnehmerInnen haben ihre Haupteinkommensquelle verloren.

Mehr als die Hälfte dieser Menschen arbeitete innerhalb Israels, bis die Behörden ihnen nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober die Arbeitserlaubnis entzogen. Palästinensische Arbeiter haben wiederholt um die Wiedererteilung ihrer Einreiseerlaubnis nach Israel angesucht, damit sie für ihre Kinder sorgen und ein menschenwürdiges Leben führen können, aber ihre Anträge wurden bisher abgelehnt.

In meinem Dorf Umm Al-Khair in den südlichen Hebron-Hügeln haben die meisten Familien keine Einkommensquelle mehr. Zusätzlich zu der beängstigenden Zunahme der Angriffe von Siedlern und der Zerstörung von Häusern in unserer Gemeinde stehen die meisten BewohnerInnen nun vor dem finanziellen Ruin. Wir befinden uns bereits im zweiten Jahr dieser Realität und haben immer noch keine Lösungen oder angemessene finanzielle Unterstützung.

In der Vergangenheit lebte unsere Gemeinde von der Schafzucht und der Landwirtschaft. Doch im Laufe der Jahre haben die Ausdehnung der jüdischen Siedlung Carmel – die bei ihrer Gründung 1980 die Hälfte des Dorfes an sich gerissen hat – und die Gewalt der israelischen Siedler und Soldaten den größten Teil unseres Landes unzugänglich gemacht. Auf der Suche nach alternativen Einkommensquellen begannen viele junge Männer der Gemeinde als Arbeiter in Israel zu arbeiten – bis der Krieg dem ein Ende setzte.

Ahmed Hathaleen, ein 29-jähriger Arbeiter, der vor dem Krieg auf israelischen Baustellen gearbeitet hat, ist nun seit über sechzehn Monaten arbeitslos. Im August 2023 erlitt er einen schweren Arbeitsunfall, bei dem ihm in einem israelischen Krankenhaus ein Finger amputiert werden musste. Bis seine Wunden verheilt waren, hatte der Krieg begonnen und Israel hatte ihm die Arbeitserlaubnis entzogen.

Da er kein anderes Einkommen hat, um seine Familie zu unterstützen, ist Ahmed gezwungen, Freunde um Geld zu bitten, was ihm peinlich ist und wofür er sich schämt. Aber, wie er sagt, er habe keine andere Wahl: „Ich bin Vater von zwei Kindern: Khaled, der zweieinhalb Jahre alt ist, und Majed, der 10 Monate alt ist. Mit Majed wurde ich in den ersten Kriegsmonaten gesegnet. In diesem Alter brauchen meine Kinder viel Zuwendung, und da ich nicht arbeiten kann, ist es äußerst schwierig, sie mit dem Nötigsten zu versorgen.“

Erschwerend kommt hinzu, dass Ahmed täglich Nachrichten und Anrufe von jenem israelischen Krankenhaus erhält, in dem er operiert wurde, und das ihn daran erinnert, die Schulden zu begleichen, die in den Monaten nach der Operation durch notwendige Nachsorgetermine entstanden sind. Das Krankenhaus hat ihm ein Ultimatum gestellt: Er solle den ausstehenden Betrag bezahlen, sonst werde seine Akte an die israelischen Gerichte weitergeleitet, was ihm zusätzliche Kosten in Form von Anwaltsgebühren und Bußgeldern für verspätete Zahlungen aufbürden würde.

„Ich habe derzeit nichts“, beklagte Ahmed. „Ich schulde bereits vielen Freunden Geld, das ich mir geliehen habe, um meine Familie und meine Kinder durchzubringen, und ich schulde dem Krankenhaus eine Summe, die ich nicht zurückzahlen kann. Je mehr Zeit vergeht, desto schlimmer wird die Situation. Keiner kümmert sich um uns.“

Viele andere Familien in Umm Al-Khair befinden sich in einer ähnlichen Situation. Einige waren sogar gezwungen, grundlegende Dinge wie Möbel zu verkaufen, um ihre Kinder zu durchzubringen.

Ammar Hathaleen, ein 32-jähriger Landarbeiter, verlor seine Arbeit in Israel, als der Krieg begann. „Ich habe sechs Kinder – wir haben eine Menge Ausgaben“, erklärt er. „Seit ich mein Einkommen verloren habe, habe ich keine Möglichkeit, sie zu unterstützen.

Ammar suchte ständig nach Arbeit im Westjordanland, konnte aber nichts finden. Er versuchte, auf seinen Feldern in der Nähe des Dorfes Weizen und andere Produkte anzubauen und zu ernten, um Geld für Lebensmittel zu sparen, aber die israelische Armee und die Siedler machten den Zugang zu seinem eigenen, privaten Land unmöglich.

Abgeschnitten von unserem eigenen Land

Ammars Fall veranschaulicht die großen Schwierigkeiten, mit denen palästinensische Landwirte im gesamten Westjordanland konfrontiert sind, da die von der israelischen Regierung finanzierten Siedlungen sie zunehmend von ihrem eigenen Land abschneiden. In Hebron und den umliegenden Dörfern wie Umm Al-Khair werden seit jeher die meisten Weintrauben des Westjordanlandes angebaut, und zusammen mit dem Jordantal wird hier der größte Teil der Viehzucht in der Region betrieben.

Es ist daher kein Zufall, dass die Siedler ihre Angriffe strategisch auf dieses fruchtbare Gebiet konzentriert haben. Mit Unterstützung der israelischen Armee haben die Siedlermilizen die Kontrolle über Zehntausende von Dunam [ein Dunam entspricht 1000 m2, Anm.] landwirtschaftlicher palästinensischer Nutzfläche übernommen.

Vor dem 7. Oktober mussten Landwirte in Umm Al-Khair, die ihr Land am Rande der israelischen Siedlungen während der Olivenernte und des Pflügens betreten wollten, eine Sondergenehmigung der israelischen Behörden einholen. Im vergangenen Jahr hat Israel jedoch diesen Koordinierungsmechanismus abgeschafft, so dass viele Landwirte in Umm Al-Khair ihr Land überhaupt nicht mehr betreten konnten.

In der Praxis dürfen die PalästinenserInnen in den südlichen Hebron-Hügeln ihre Herden nur in einem Radius von 100 Metern um die Gemeindezentren hüten, während die Siedler ihr Vieh auf palästinensischem Privatland weiden lassen, das mit Weizen und Gerste bepflanzt ist.

In den letzten 15 Monaten wurden wir außerdem Opfer einer noch nie dagewesenen Anzahl von Siedlerangriffen. Regelmäßig dringen Siedler in das Dorf ein, schikanieren die BewohnerInnen mit Pfefferspray, greifen uns mit Stöcken an und stehlen unser Holz. Anfang dieses Monats ließen Siedler aus Carmel riesige Drohnen über unser Dorf fliegen, was die Bedrohung und Überwachung unseres täglichen Lebens noch verstärkte.

In der Zwischenzeit sehen wir uns auch zunehmender Gewalt von einem neueren Außenposten namens Havat Shorashim ausgesetzt, der 2022 errichtet wurde und eigentlich sogar nach israelischem Recht illegal ist, obwohl die Armee ihn schützt und mit Dienstleistungen versorgt. Seit Juli hat eine Gruppe von Siedlerhirten aus diesem Außenposten damit begonnen, unser privates landwirtschaftliches Land zu betreten und die Wasserleitung des Dorfes zu durchtrennen – die einzige Wasserquelle für die gesamte Gemeinschaft. Jedes Mal reparieren wir sie, aber es ist nur eine Frage von Tagen oder Wochen, bis ein Siedler kommt und es wieder kaputt macht.

Israels Angriffe auf das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge (UNRWA) haben die finanzielle Misere unserer Gemeinschaft noch verschlimmert. Da es sich bei den Bewohnern von Umm Al-Khair um Flüchtlinge aus anderen Teilen des historischen Palästina handelt – unsere Vorfahren wurden während der Nakba 1948 aus der Region Bir As-Saba/Be’er Sheva vertrieben – sind wir auf die Hilfe und die sozialen Dienste von UNRWA angewiesen, einschließlich der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln und Bargeld-Soforthilfe. Seit einem Jahr haben die palästinensischen Flüchtlinge von Umm Al-Khair keine nennenswerte Hilfe mehr erhalten, so dass unsere Gemeinschaft besonders anfällig für Angriffe und Übergriffe von Siedlern ist.

Viele palästinensische Arbeiter betonten, dass die internationalen Institutionen eingreifen und Druck auf die israelische Regierung ausüben müssen, insbesondere im Hinblick auf die wirtschaftliche Lage im Westjordanland – sei es, indem sie den PalästinenserInnen die Rückkehr zu ihren Arbeitsplätzen in Israel erlauben oder indem sie Hilfsorganisationen wie der UNRWA erlauben, Soforthilfe zu leisten. Die palästinensischen Arbeiter und Bauern von Umm Al-Khair sehen in dem, was ihnen widerfährt, das Ergebnis einer vorsätzlichen israelischen Politik, die von einer rechtsextremen Regierung betrieben wird und darauf abzielt, die palästinensische Bevölkerung zu schwächen, indem sie uns wirtschaftlich vernichtet. 

Haitham S. ist ein Pseudonym für einen palästinensischen Journalisten aus dem Dorf Umm Al-Khair, der aus Angst vor Repressalien durch israelische Siedler und Soldaten anonym bleiben möchte.

 

Heute ein Hinweis in eigener Sache:

Johannes Zangs Nahost-Podcast: JeruSalam

Berichterstattung über Gaza: Gespräch mit der Öffentlichkeitsreferentin der Palästinensischen Vertretung in Wien

Wie berichten deutsche oder österreichische Medien über den seit 15 Monaten tobenden Gaza-Krieg? Und was machen englischsprachige Medien anders? Warum startete Dr. Martha Tonsern, Öffentlichkeitsreferentin der Palästinensischen Vertretung in Wien, nach ca. zwei Kriegsmonaten einen Rundbrief, der aktuell zweimal pro Woche ausgesandt wird?

https://www.podcast.de/episode/666241918/berichterstattung-ueber-gaza-gespraech-mit-der-oeffentlichkeitsreferentin-der-palaestinensischen-vertretung-in-wien

Bitte hören Sie nicht auf, über Gaza zu sprechen.

Mit allen guten Wünschen

Martha Tonsern

 

Buchempfehlung

Jüdische Hunde

Von Abraham Melzer

Irgendwann stellt sich jeder Israeli die Frage: Müssen wir zigtausende Menschen in Gaza töten? Objektiv fehlen für die Fortsetzung des Krieges die rationalen Gründe,  emotionale Beweggründe haben längst deren Platz eingenommen. Bei den einen sind es Gelüste nach Rache oder, wie es viele Kommentatoren in Israel behaupten, Netanjahus Angst, dass ein Friedensvertrag sein politisches Ende bedeuten könnte. Dieser Krieg entwickelt sich immer mehr in Richtung eines Genozids am palästinensischen Volk. Längst spielt es keine Rolle mehr, ob israelische Politiker und einige Intellektuelle es nicht zulassen wollen, dass dieser Krieg so genannt wird. Er hat sich längst zu einem Kriegsverbrechen entwickelt, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen das Völkerrecht. Es hilft der Kriegspartei der Israelis nicht mehr, die Kriegsgegner in Israel als Antisemiten zu diskreditieren. Die Diffamierung als Antisemit wirkt nicht mehr. Das böse Wort hat seine Schärfe verloren und wird von vielen nicht mehr ernst genommen. Es ist eben nicht jeder Antisemit, der sich gegen Israel ausspricht, weil zu viele Menschen reale Gründe hätten. Juden zu hassen, zumindest die Juden, die in Israel leben und den verbrecherischen Krieg fortführen wollen.

Während andere Völker ein, zwei oder vielleicht drei Generationen in den Verlauf ihrer Geschichte zurückblicken, scheinen die Juden in der Retrospektive Weltmeister zu sein. Sie blicken zurück bis hin zur Erschaffung der Welt und vergleichen zeitnahe Ereignisse mit Situationen, in denen Juden unter den Pharaonen ausgesetzt waren. Der Judenhasser Haman im antiken Persien und der Judenmörder Chemelnietzky in der Ukraine im 17. Jahrhundert sind präsente Zombies. Die gesamte Weltgeschichte wird für sie zu einer Geschichte des Antisemitismus. Die Nazis erschienen nur eine als eine Re-Inkarnation des biblischen Volkes Amalek, das die unschuldigen und friedfertigen Juden, als sie aus der ägyptischen Knechtschaft entflohen waren, in der Wüste überfallen hatte. Immer sind wir die Opfer und immer sind die anderen die Täter.

Das hat sich allerdings in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Gründung des Staates Israel verändert und die Juden drehten den Spieß um: Jetzt wurden sie die Täter und ein anderes Volk das Opfer. Mit der Macht aller Propagandamittel bis hin zur Geschichtsfälschung versuchen die Israelis und die zionistischen Juden ihre Legende als ewige Opfer fortzuspinnen.

Der Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 ist für die Israelis und für viele Juden wieder der ultimative Beweis, dass die ganze Welt die Juden hasst. Für sie ist klar, dass sie heimtückisch und grundlos überfallen und ermordet wurden, und dass dies wieder ein Versuch des Genozids an allen Juden der Welt, von Moskau bis New York war. Natürlich wurden die unschuldigen Israelis ermordet, nur weil sie Juden waren und, wie der jüdische Pulitzer-Preisträger Joshua Cohen schreibt, „man könnte das noch weiterspinnen und sagen, die Hunde, die an jenem Tag starben, wurden getötet, weil sie jüdische Hunde waren. In vielen der Kommentare israelischer und jüdischer Intellektueller stieß ich nicht auf ein einziges Wort über das, was die Israelis seit mehr als 75 Jahren den Palästinensern angetan hatten und immer noch zufügen. Stattdessen wurde der 7. Oktober als aktuelles Eintreffen des uralten Geschichtsverlaufs jüdischen Leidens betrachtet. In der Zeit, in der nationalistische Religiosität und jüdischer Extremismus auf dem Vormarsch sind, wurde an Juden ein Massaker verübt. Und Joshua Cohen vergisst nicht zu erwähnen, dass es am 7.10.23.säkulare Juden waren, die betroffen wurden. Er betont noch in vollkommener Selbstgerechtigkeit, die ihn naiv erscheinen lässt, dass „Juden getötet wurden, weil sie Juden waren“.

Im Massaker vom 7. Oktober sieht Cohen wie viele andere Israelis und Juden in der Diaspora, die Wiederkehr der ewigen Geschichte des alten Amalek, die vor 3000 Jahren stattgefunden haben soll. Sie müsste den Menschen des 21. Jahrhunderts wie ein Märchen aus 1001 Nacht vorkommen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vergaß in seinen Ansprachen Zum Kriegsbeginn nicht, den biblischen Satz zu wiederholen, „was Amalek euch angetan hat….“  Jedes Jahr, wenn ein Jude die Geschichte von Amalek liest, soll ihm das Gefühl kalt den Rücken hinunterlaufen, er „sei selbst von den blutrünstigen Amalekiten angegriffen und nur durch ein Wunder errettet worden“. Die Erinnerung eines Juden reicht nicht 3000 Jahre zurück, sondern es ist die Erinnerung an den Geschichtsunterricht, der 3000 Jahre zur Gegenwartsgeschichte verdreht. Als Beispiel für solche Erinnerungspflege verweise ich auf Marek Halter (in: Abraham : Wege der Erinnerung.und ähnliche Werke ) . Alle jüdischen Opfer von Amalek sind präsent, aber die Opfer ihrer eigenen Gewalt, die nicht so alt sind, sind bereits aus dem Kurzzeitgedächtnis entschwunden. Sie, die Juden, nennen den 7. Oktober den tödlichsten Tag für die Juden seit dem Holocaust. Sie stellen damit die Terrortat vom 7. Oktober auf derselben Stufe wie den Holocaust, bei dem ein Drittel des jüdischen Volkes vernichtet wurde. Wenn der Tag des Massakers nicht traurig wäre, wäre seine Einstufung lächerlich.

Fast alle Israelis und Palästinenser unserer Generation wurden in diese Atmosphäre der Gewalt hineingeboren. Trotz mehrerer Versuche einer Befreiung aus dieser Zwangslage hält dieser Zustand seit bald 100 Jahren unverändert an. Auf jede Aktion der Palästinenser folgt eine Vergeltung der Israelis oder vice versa. Ein Problem ist dabei, dass auf israelischer Seite eine hoch gerüstete Armee gegen weit unterlegenen Widerstand auftritt.

1983 schworen sich Rabin und Arafat „nie wieder Krieg“: „Wir kommen aus einem gequälten Land, trauernden Land…Wir wollen versuchen, den Feindseligkeiten ein Ende zu bereiten. Es reicht mit Blut und Tränen. Es reicht!“ Offensichtlich reichte es doch nicht. Israelis und Palästinenser sind derart traumatisiert, dass sie nicht mehr miteinander können. Sie wollen das Land wie eine Pizza teilen, und während sie darüber verhandeln frisst die israelische Seite inzwischen Stück Land für Stück Land. Am Ende bleibt für die Palästinenser nichts mehr übrig.

Lee Yaron rekonstruiert in Ihrem Buch Israel – 7. Oktober den Tag, der in die Geschichte Israels und des Nahen Ostens als schwarzer Sabbat eingehen wird. Sie zeichnet die Porträts der Ermordeten und geht in der Geschichte ihrer Familie zurück bis ins 15. Jahrhundert, als ob die Vertreibung der Juden aus Portugal irgendeinen Einfluss auf die desolate heutige Situation zwischen Israelis und Palästinenser haben könnte. Sie will uns belehren, dass das Massaker eng mit dem Holocaust verbunden sei. Das lässt sich nicht darstellen, auch wenn sie es sich wünscht. Das Massaker vom 7. Oktober hat keinen Bezug zum Holocaust, aber Bezüge zu Gaza und zu allem, was in Gaza seit Jahren passiert, Das Massaker hat auch einen Bezug zur Nakba, der Katastrophe der Palästinenser, die für letztere immer noch keinen Abschluss gefunden hat. Im Gegenteil zu den Juden, deren Shoa ultimativ abgeschlossen ist, und mit der es nichts auf der Welt Vergleichbares gibt, stellt der Aufstand der Palästinenser vom 7. Oktober 2023 etwas Eigenes dar. Dies nicht nur wegen der unvergleichbaren Zahl der Opfer an nur einem Tag, sondern vor allem wegen der unvergleichbaren Motive zu dem Anschlag. Während die Nazis keine rationalen Gründe hatten die Juden zu hassen und zu ermorden, so kann man solches von den Palästinensern nicht behaupten. Sie hatten jede Menge rationale und erst recht emotionale Gründe, angefangen mit ihrer Vertreibung aus ihrer Heimat durch die Juden bis zu ihrer Behandlung durch die Israelis, die sie zu Menschen zweiter und dritter Klasse gemacht haben.

Vielleicht war der Überfall der Hamas zu brutal und vielleicht auch erschreckend barbarisch. Sicherlich war er eine Tragödie. Aber muss Israel derart brutal und selbst mörderisch antworten und in Kauf nehmen, dass Gaza nicht nur zerstört wird, sondern total ausgelöscht wird. Ist das nicht auch menschengemachter Terror gegen unschuldige Zivilisten, Frauen, Kinder und Säuglinge, die nicht nur durch Bomben, sondern auch an Hunger und Kälte sterben? Der Auftrag Israels bestand darin, die Juden aus der Opferrolle zu befreien. Die Politik Israels, nicht erst seit dem 7. Oktober 2023, treibt die Juden aber aufs Neue in diese Rolle zurück. Israel ist schon lange nicht mehr das sicherste Land für Juden. Und die Israelis werden inzwischen weltweit verachtet, nicht weil sie Juden sind, sondern weil sie eine völkerrechtswidrige Politik treiben. Israelis wurden am 7. Oktober 2023 getötet, nicht, weil sie Juden waren, sondern weil ihre Regierung seit Jahrzehnten eine palästinenserfeindliche Politik macht. Es ist das in der Charta der Menschenrechte verbriefte Recht der Palästinenser, sich dagegen zu wehren. Die Autos, die an diesem Tag angezündet wurden, verbrannten nicht, weil sie jüdische Autos waren, schon weil Autos nur Autos keine Menschen sind. Es gibt keine jüdischen Autos wie es auch keine katholischen oder protestantischen Autos gibt. Aber für Autoren wie Joshua Cohen gibt es nur Juden, oder nichts.

Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll.

Vielleicht analog zu Müllers Milch Werbung:

Alles Antisemiten, oder was?

Zufällig lese ich gerade in der „Jüdischen Allgemeinen“ ein Interview deren Redakteure mit 4 aus Israel nach Berlin verzogenen Juden; einige Passagen passen so gut zu meinen Ausführungen, dass ich diese aus dem Gespräch von Joshua Schultheis und Mascha Malburg über jüdische Identität und wachsenden Antisemitismus mit Roy, Shay, Tal und Hila hier anfügen möchte:

Frage der „JA“:

Berlin war lange ein Magnet für junge Israelis. Ist das noch so? Ihr habt Israel verlassen und seid in die deutsche Hauptstadt gezogen.

Roy: Ich wollte etwas aus meinem Leben machen, und in Tel Aviv ging das einfach nicht. Dort musste ich wie verrückt arbeiten, um meine Rechnungen bezahlen zu können. Manche brauchen drei Jobs, um in Tel Aviv über die Runden zu kommen. Man kann die Stadt nicht genießen.

Hila: Ich wollte Israel einfach nur verlassen, weil es in jeder Hinsicht ein schreckliches Land ist. Es ist rassistisch, es wird mehr und mehr religiös, es ist wirtschaftlich instabil. Es gab nichts, was ich wirklich mochte, außer das Essen. Ich habe erkannt, dass die Besatzung die israelische Gesellschaft von innen heraus ruiniert. Ich wollte kein Teil davon bleiben. ….

Shay, warum hast du Israel verlassen? Als Israel immer teurer, immer nationalistischer und religiöser wurde, bin ich endgültig nach Berlin gezogen. Ich fühle mich in Berlin jüdischer. In Israel konnte ich nichts mit den Religiösen anfangen. Wenn ich in Berlin jemanden sehe, der eine Kippa trägt, freue ich mich. Ich feiere auch  Chanukka Hila: Man wird jüdischer außerhalb Israels. Shay: Ich bin überzeugter Atheist. Aber ich bin in Deutschland damit konfrontiert, dass mich Leute als Juden sehen. Roy: Ich hatte aschkenasische Freunde, die sagten, ich würde jetzt ins »Reich« ziehen. Meine Familie hatte gar kein Problem damit und ich auch nicht. Aber wenn ich dauernd daran denken würde, was hier passiert ist, wenn ich durch Berlin laufe, würde ich verrückt werden. Man muss nach vorn blicken. Tal: Für meine Eltern war das absolut in Ordnung. Nur meine Mutter meinte, dass mein Großvater das gar nicht gut gefunden hätte. Tal: Ich wollte schon lange nach Berlin ziehen. 2023 fiel dann aber meine Entscheidung, wegzugehen.

Der 7. Oktober war auch eine Zäsur für Israelis im Ausland. Wie hat sich euer Leben in Berlin seitdem verändert?
Hila: Mein Blick auf Israel ist noch kritischer geworden. Ich lehne die Reaktion des Landes auf den 7. Oktober ab. Viele Leute in Berlin sind nicht in der Lage, beide Seiten zu sehen: Sie interessieren sich nur für das Schicksal der Juden oder nur für das der Palästinenser. Ich habe mein ehrenamtliches Engagement aufgegeben. An meinem Sicherheitsgefühl hat sich aber nichts geändert. Ich habe keine Angst, in Neukölln auf die Straße zu gehen und Hebräisch zu sprechen.

Es gab in Neukölln aber Angriffe auf Israelis, nur weil sie Hebräisch gesprochen haben.
Hila:  Ich verstehe Arabisch und weiß, was die Leute um mich herum reden. Sie geben mir keinen Anlass, Angst zu haben. Ich habe kein Problem damit, Taxifahrern zu sagen, woher ich komme. Mit palästinensischen Fahrern, die ich in diesem Jahr getroffen habe, hatte ich ein verständnisvolles Gespräch. Wenn ich in einen arabischen Supermarkt gehe, fühle ich mich besser, als wenn ich zu Netto gehe. Ich fühle mich mit den Menschen in Neukölln verbunden: Sie sehen aus wie ich, sie haben eine ähnliche Kultur. Ich teile nicht die Vorstellung vieler Israelis, dass alle Palästinenser Juden töten wollen. Wenn ich in den israelischen Nachrichten sehe, wie Menschen eine Flasche Champagner öffnen, um den Tod des Hamas-Chefs Sinwar zu feiern, dann bin ich angewidert. Man empfindet keine Freude, dass jemand getötet wurde. Roy:  Leider habe ich Freunde verloren und mich isoliert. Früher bin ich immer zu einer türkischen Frau zum Haareschneiden gegangen. Am 7. Oktober hat sie dann auf WhatsApp gepostet: »Free Palestine!« Das war’s für mich. Ich habe keine Kraft, Leute über die antisemitischen Wurzeln der palästinensischen Bewegung aufzuklären. Ich bin enttäuscht von den Deutschen. Wir hatten ein rotes Dreieck an unserem Nachbarhaus, »Intifada« stand darunter. Mein Mann hat es überstrichen. Diese Hilfe hätte ich mir von allen Deutschen gewünscht. Es scheint mir, dass es vielen Deutschen einfach egal ist. Ehrlicherweise hoffe ich mittlerweile auf die AfD, damit sich etwas ändert. Die AfD sollte vielleicht nicht stärkste Kraft werden, aber doch Teil einer Koalition. Sie sind die Einzigen, die endlich durchgreifen wollen: Kriminelle rausschmeißen und Leute abschieben, die nicht loyal zu Deutschland sind. Ich weiß zwar nicht, ob die AfD wirklich etwas unternehmen könnte. Aber was wird passieren, wenn wir weiter nichts tun? Hila: Das ist doch das israelische Narrativ, dass du hier hineinbringst. Immer harte Kante zeigen. Das funktioniert dort schon nicht. Wir müssen demokratische Wege finden, zum Beispiel in Bildung investieren.

Tal:  Ein Taxifahrer hat mich rausgeschmissen, weil ich am Telefon Hebräisch gesprochen habe. Ich gehe nicht mehr nach Neukölln. Wenn du Angst um dein eigenes Leben bekommst, dann ändert sich die Perspektiven.

Überlegst du, nach Israel zurückzuziehen?
Shay: Nicht jetzt. Ich bin viel zu kritisch gegenüber dem, was in Israel passiert. Aber wenn es in Deutschland wirklich so schlimm wird, wie ich befürchte, könnte Israel irgendwann der einzige sichere Hafen sein. Ich werde also nicht zurückkehren, weil ich es will, sondern weil ich es vielleicht tun muss, um zu überleben.

Gibt es irgendetwas, dass dich überzeugen könnte, nach Israel zurückzuziehen?
Hila: Frieden, Mietendeckel, öffentlicher Nahverkehr am Schabbat …

Roy, was ist mit dir – hast du einmal überlegt, zurück nach Israel zu ziehen?
Roy: Nein, niemals. Ich fühle mich Deutschland so verbunden. Ich liebe dieses Land. Und ich habe mehr als nur die Hauptstadt gesehen. Die Seen rund um Berlin! Die grünen Felder! Rügen! So wunderschön! Nein, ich will nicht zurück. Ich vermisse zwar dieses Grundvertrauen in Israel: Wenn etwas Schreckliches passiert, unterstützen wir uns gegenseitig. In Deutschland weiß ich nicht, wer zu mir. Das ist höllisch beängstigend. Dass mir ausgerechnet das Zusammengehörigkeitsgefühl fehlt, ist schon komisch. Genau vor dieser Enge bin ich damals weggelaufen.

„Völkermord? Im Ernst? ( SZ vom 30. 12. 2024)

Zum Leserbrief von Eva Illouz:

Von Abraham Melzer

Eva Illouz, wer ist das? Man kennt sie; Wikipedia informiert:

„Illouz wuchs als Tochter eines Juweliers einer strenggläubigen sephardischen Familie auf. 1971, als sie zehn war, zog die Familie von Marokko nach Frankreich. Sie ist heute Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem sowie an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris. Außerdem wirkt sie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen]. Sie hat bedeutende Beiträge zur Soziologie der Emotionen, zur Kultur und zum Kapitalismus verfasst. Sie war die erste Frau, die als Präsidentin der Bezalel Academy of Arts and Design diente. Ihre Werke, darunter das Buch Der Konsum der Romantik, haben großen Einfluss in der soziologischen Forschung und sind in viele Sprachen übersetzt worden.“

Dies vorausgeschickt,  verlangt sie heute, vor jeder „nüchternen Diskussion über Israels Verbrechen“ vorab anzuerkennen, dass sich die israelische Psyche seit dem 7. Oktober 23 in einer Art Schockzustand befände. Als ob diese Psyche davor vollkommen gesund und vorbildlich für andere Völker gewesen wäre.

Illouz Artikel in der SZ muss auch Ausdruck dieser Schockstarre sein. Anders lassen sich ihre historischen Verdrehungen und Falschaussagen, die abgestandenen Floskeln und Unterstellungen, der hilflose Whataboutism, das apologetische Gerede, das Illouz ihren Gegnern zuschreibt [vgl. SZ vom 14. 10. 2024], kaum erklären. Sie fordert eine „exakte Wortwahl im juristischen, intellektuellen und moralischen Feld“ und bietet selbst pures Ressentiment: „Menschen, die das unfassbare Leid, die humanitäre Katastrophe, die sich vor aller Augen in Gaza abspielt, Genozid nennen, seien „moralische Maximalisten“, getrieben von „offenem Antisemitismus“. Dabei sind selbst israelische Soldaten, die bei den Kämpfen dabei gewesen sind, der Meinung, dass es sich um Genozid handelt.

Was kann mit einer brillanten Autorin und Wissenschaftlerin geschehen sein, die sich noch bis vor kurzem für einen konsequenten Menschenrechts-Universalismus eingesetzt hatte, und damit ihre Kritik an der israelischen Politik begründet hat?

Täglich erreichen uns schreckliche Nachrichten aus Gaza. Täglich schließen sich Berichte über getötete Zivilisten, ermordete Kinder an. Immer wieder sind es Kinder. Seit dem 7. Oktober 2023 finden die Diskussionen über Israels Verbrechen statt: jetzt folgt die Rechtfertigung dieses völkerrechtswidrigen Krieges seitens einer jüdisch-israelischen Philosophin, die sich bis zum grauenhaften Massaker im Oktober 2023 eher damit ein Ansehen geschaffen hat, dass sie die israelische Politik der tagtäglichen Verletzung und Missachtung des Völkerrechts und der Menschenrechte angeklagt hatte. Noch 2015 schrieb sie in ihren Soziologischen Essays, dass

das jüdische Trauma nicht länger als moralische Rechtfertigung für die systematische Blindheit gegenüber der massiven Erosion der Demokratie in Israel und gegenüber der moralisch sowie politisch unverantwortlichen Unterdrückung entrechteter Palästinenser dienen kann…..  Wenn jemand, dem die Menschenrechte wichtig sind, damit zum Verräter an Israel und an den Juden wird […] würde dies den moralischen Bankrott des organisierten Judentums und Israels bedeuten.“

Eva Illouz wollte keine Verräterin an Israel sein. Sie reagierte  wie so viele Israelis und Juden reagieren, wenn vermeintliche Judenfeinde Israel kritisieren: Sie fühlte sich zuerst persönlich angegriffen und dann verpflichtet und berufen Israel zu verteidigen, auch wenn sie ihre Grundsätze und Überzeugungen dabei verraten müsste. Dieser Verrat schien ihr geringer und bedeutungsloser zu sein. Dieser moralische Bankrott Israels, nicht des Judentums, ist nun schneller gekommen, als wir alle dachten. Eva Illouz bietet dafür keine andere Erklärung und Entschuldigung als die des Schockzustandes der israelischen Psyche, „weil an diesem Tag der wohlbekannte Vorsatz zur Vernichtung Israels in die Tat umgesetzt wurde.“

Das ist freilich genauso absurd und falsch wie ihre Behauptung, die palästinensische Führung führe seit 100 Jahren Krieg gegen Israel. Dabei existiert der Staat Israel erst seit 1948, also erst seit 86 Jahren. Und würde sie Deutschlands Versagen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entschuldigen wollen, dass es wegen des verlorenen Ersten Weltkrieges in Schockzustand war? Das wäre zwar die Erklärung, aber es ist keine Entschuldigung, die von den Opfern akzeptiert werden könnte.

Aber Eva Illouz scheint es nicht so genau zu nehmen mit geschichtlichen Fakten und der Beurteilung des Völkermordes im Gazastreifen. Sie stellt alles, was sie bisher gesagt und geschrieben hat auf den Kopf,  und macht aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer.

Ihr Beitrag in SZ vom 30.12.2024 ist überladen mit Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid. Wer ihre früheren Schriften kennt, mag nicht glauben, dass sie wirklich die Autorin dieser Rechtfertigung der israelischen Gräueltaten ist. Sie verharmlost diese Taten und, mehr noch, sie hält sie für notwendig. Sie behauptet ernsthaft, dass sie nicht den Tatbestand des Genozids erfüllten, obwohl unzählige israelische, jüdische und nicht-jüdische Beobachter genau das behaupten und auch belegen. Sie will nicht wahrhaben was sie und alle anderen sehen. Es kann halt nicht sein, was nicht sein darf. Illouz scheint nicht wahrzunehmen, was sie nicht sehen will, und weist solche Zeugen als Antisemiten ab.  Sie taktiert mit einem Vorwurf und einer Diskriminierung, die sie bis zum 7.10.2023 nicht nur vermieden, sondern auch intellektuell und leidenschaftlich bekämpft hatte.

Illouz argumentiert wie die diversen Antisemitismusbeauftragten, die in jeder Kritik an Israel unverzüglich auf Antisemitismus-Abwege schalten. Wenn sie früher solche Praktiken kritisiert und ad absurdum geführt hat, so bedient sie sich jetzt selbst solchen primitiven und obsoleten Argumenten. Der südafrikanische ANC ist für sie genauso antisemitisch wie der gesamte IStGH, weil der eine Israel des Völkermordes angeklagt und der andere Haftbefehl gegen Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu erlassen hatte. Illouz richtet ihren Frust und Zorn gegen alles: gegen die UN, weil man es dort gewagt hat, Israel Genozid vorzuhalten. Sie verweist immer wieder auf das Massaker der Hamas, das zweifelsfrei grausam und menschenverachtend war, aber sicher nicht mit „erklärtermaßen genozidaler Absicht“ verübt wurde. Es war für mich ein verzweifelter Ausbruch in einer für die Hamas fast aussichtslosen Lage, als nicht nur Israel und der Westen sich gegen sie vereinten, sondern auch bedeutende arabische Staaten im Begriff standen, die Fronten zu wechseln und die Palästinenser in ihrer verzweifelten Lage aufzugeben. Das Massaker der Hamas barg m. E. keine genozidale Absicht, sondern erscheint eher als Versuch auf sich und seine Lage aufmerksam zu machen. Das Attentat mag zwar gelungen sein, aber der Preis, den die Palästinenser dafür zahlten und weiter entrichten, ist sehr hoch.

Illouz beklagt, dass „drei Tage, nachdem Israelis vergewaltigt, lebendig verbrannt und vor den Augen ihrer Eltern und Kinder erschossen worden waren“, bereits vom Genozid gesprochen wurde. Wenn es damals zu früh für diese Qualifizierung gewesen ist, so ist es doch heute, nachdem die israelische Armee, die humanste Armee der Welt, mehr als 50 000 Frauen, Kinder, Zivilisten und wohl auch Hamas Kämpfer „neutralisiert“ hat, und nachdem mehr als eine Million Menschen aus ihrem Wohnort vertrieben, vielleicht doch zeitlich passend, von Völkermord oder Genozid zu sprechen? Oder wird das Morden erst Genozid, wenn, wie im Tschad, 400 000 Menschen getötet und weit über zwei Millionen vertrieben worden sind? Oder gikt als ultimativer Maßstab die Zahl von 6 Millionen Ermordeten?

Illouz wird nicht müde von ermordeten Israelis zu schreiben und ignoriert die ermordeten Palästinenser. Palästinenser wurden nicht nur in diesem genauso unerbittlichen wie überflüssigen Rachekrieg Israels hingeschlachtet, sondern die ganzen letzten 76 Jahren seit der Gründung des Staates Israel hindurch, seit der Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat, seit der palästinensischen Katastrophe, die sie Nakba nennen und was für die Israelis der Tag der Unabhängigkeit ist. Und ihre Zahl reicht in die hunderttausende.

Illouz erklärt den Schockzustand der Israelis und damit auch ihr eigenes Versagen mit den „jahrzehntelangen Bombardierungen an ihren Grenzen im Norden und im Süden und mit Irans Schlinge um den Hals“, die Israels faschistischste Regierung seit Gründung des Staates genötigt habe, den Gazastreifen abzuriegeln. Sie wundert sich dennoch über den Versuch der Eingeschlossenen aus ihrem Gefängnis auszubrechen und verurteilt ihn. Das dabei hunderte und sogar über eintausend Israelis getötet wurden, ist entsetzlich und ist natürlich zu verurteilen, aber was ist mit den Hunderten und Tausenden Palästinenser, die diesseits und jenseits der Grenzen von israelischen Kommandos und bewaffneten nationalistischen und chauvinistischen Siedler im Verlauf der vielen Jahren ermordet wurden? Was ist mit dem Land, das den Palästinensern geraubt wurde, wo jetzt israelische Siedlungen gegen jedes internationale Völkerrecht entstehen?

Eva Illouz vertritt den Grundsatz, dass für den Fall „wenn in ein fremdes Staatsgebiet eingedrungen wird, wenn Menschen gefoltert, getötet und vertrieben werden, wenn Militärstützpunkte angegriffen und Zivilisten bombardiert werden, eine militärische Antwort durch internationales Recht und den gesunden Menschenverstand gerechtfertigt ist.“ Wenn das aber, nach Illouz’ Meinung, richtig und gerechtfertigt für die Israelis ist, um wie viel mehr ist es gerechtfertigt für die Palästinenser, in deren Staatsgebiet die Israelis schon seit langem eingedrungen sind und es inzwischen als ihr eigenes betrachten, analog zu handeln?

Illouz platzt fast vor Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid, wenn sie von „jahrelanger relativer militärischer Zurückhaltung seitens der Israelis“ schreibt, und dabei übergeht, was sie vor dem 7.10.23 geschrieben hat. Wann war denn Israel „militärisch zurückhaltend“? Ich lasse hier unberücksichtigt die Vertreibung der Palästinenser 1948. Aber die Invasion der West-Bank 1967, die völkerrechtlich Palästina heißt, kann man doch nicht als „militärische Zurückhaltung“ definieren. Die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung ist doch für alle Welt sichtbar und keine Kleinigkeit, vor der man die Augen und das Gewissen verschließen darf und kann. Aber es sieht offenbar jeder nur das, was er sehen will.

Illouz behauptet und meint es offensichtlich ernst, dass Netanjahu und sein bisheriger Verteidigungsminister und Armeechef Galant ihren Krieg tatsächlich nur führen, um „ihre Bevölkerung zu schützen“. Wie naiv, unehrlich und närrisch muss man sein, um solche Dinge  zu glauben. Dabei räumt sie doch selbst ein, dass Israel „zweifellos alle Verhältnismäßigkeit missachtet“. Sie schreibt weiter: „Israel hat zahlreiche Kriegsverbrechen begangen…Aber unverhältnismäßige Gewaltanwendung und ein Kriegsverbrechen ergeben noch keinen Völkermord“. Ab wann wird es denn für die israelbezogene Autistin ein Völkermord? Und wenn es nur Kriegsverbrechen bleiben, ist es dann weniger schlimm? Wenn es niederträchtig ist, wie Illouz behauptet, dass die Hamas ihre militärische Infrastruktur unterhalb oder inmitten ziviler Gebäude eingerichtet hat, was in Gaza kaum anders möglich wäre, so ist es doch noch niederträchtiger und erst recht ein Kriegsverbrechen 1000 Kilogramm Bomben auf Häuser abzuwerfen und kollateral zig Tote in Kauf zu nehmen, nur um einen Verdächtigten zu treffen und zu töten. Nein, Illouz leugnet nicht die Grausamkeit der Zerstörungen. Aber sie tröstet sich und ihre Leser damit, dass diese Verbrechen noch keinen Völkermord darstellen. Sie beruhigt ihr Gewissen und das ihrer Leser, mit der These, dass Israel „stets alles getan habe, um die Zivilbevölkerung in Gaza zu schützen.“  Wie geschah das? Indem die IDF die Bevölkerung 5 Minuten, manchmal sogar 15 Minuten vor einer Bombardierung gewarnt hat. Zynischer geht es nicht.

Sie ist offensichtlich tatsächlich davon überzeugt, dass das Ziel der israelischen Militäroperation war und ist, die Stadt, nicht aber die Identität der Bevölkerung zu zerstören.  Diese wurde schon „zerstört“ bzw. ignoriert, als Golda Meir, Israels eiserne Regierungschefin einst behauptete, sie kenne kein palästinensisches Volk. Die Palästinenser waren für sie wohl nur Statisten.

Das sei für sie eine conditio sine qua non bei der Definition von Völkermord. Die zigtausend Tote und die mehr als eine Million Vertriebene spielen wohl keine Rolle. Das sei für sie kein Völkermord, sondern offensichtlich nur Kollateralschaden. Sie behauptet, dass die Hamas bereit gewesen ist „ihre Bevölkerung jeden Preis zahlen zu lassen.“ Und welchen Preis verlangt die israelische Regierung von ihrem Volk?

Illouz beschuldigt Michael Fakhri, dem UN-Sonderberichterstatter, der von systematischem Aushungern der Zivilbevölkerung klagt, er würde historische Fakten missachten, weil er behauptet, „niemals in der Nachkriegsgeschichte ist eine Bevölkerung so schnell und so vollständig in den Hunger getrieben worden wie die 2,3 Millionen Palästinenser, die in Gaza leben“. Wann beginnt denn für diese Philosophin das Aushungern einer Bevölkerung, wenn sie dazu ergänzt, „dass wir anerkennen müssen, dass die Menschen dort schrecklich leiden“. Die Menschen in Gaza leiden also, sie hungern nicht. Dass sie leiden, scheint sie zu akzeptieren.

Und Illouz beendet ihren polemischen Artikel, mit dem sie einen intellektuellen Tiefstand erreicht, nicht nur indem sie alle Kritiker Israels zu Antisemiten erklärt, sondern auch noch indem sie Moral, Ethik und Völkerrecht auf den Kopf stellt und behauptet, dass die von Zionisten und sich auf den Zionismus berufenden Banden überfallenen Palästinenser „seit hundert Jahren Krieg gegen Israel führen.“ Dabei könnte man glauben, dass die Palästinenser in Palästina eingewandert, um nicht zu sagen eingedrungen sind, und die ansässigen Juden vertrieben haben.

Man kann sich Eva Illouz Ausführungen nur damit erklären,  dass bei ihr, der als aufgeklärter Soziologin geltenden Autorin, unter dem Schock des 7. Oktober 2023 die Koordinaten völlig verrutsch sind. Wenn das bei einer Frau wie ihr schon zutreffen kann, wie muss die Schockwelle auf Millionen jüdische Israelis wirken?“

Gottseidank wirkt der Schock nicht auf alle.

Otzma Yehudit – Jüdische Macht Heute Teil der israelischen Regierung – Wie lange will der Zentralrat der Juden noch schweigen?

Von Abraham Melzer

Seit Jahren, und seit dem 7. Oktober 2023  fast täglich, lesen wir in der Presse, hören im Rundfunk und sehen im Fernsehen, dass „die Zahl der antisemitischen Straftaten sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt hat.“ Es müssten inzwischen zigtausender Straftaten sein und wir müssten eigentlich in antisemitischen Straftaten ersticken. Ist dem wirklich so?

Ich lebe als Jude in Deutschland und merke nichts davon, außer die ständigen Berichte in der Zeitung, auch in der FAZ. Und erst recht habe ich nicht den Eindruck, dass ich von der Polizei  mehr geschützt werden muss als nichtjüdische Mitbürger oder gar moslemische. Das Bundesinnenministerium ruf aber zum Schutz von Juden (nur Juden?) in Deutschland auf. Und die FAZ beruft sich ausgerechnet auf den jüdischen Philosophen Theodor W. Adorno in ihrem Ruf nach Autorität. Zum letzten Mal, als wir „Autorität“ in Deutschland hatten, gab es nicht weniger Antisemitismus, sondern mehr, viel mehr, und am Ende hat es bis nach Auschwitz geführt.

Was aber bei den täglichen Warnungen vor Antisemitismus fehlt, ist die klare Beschreibung was Antisemitismus (heute) ist und wo und wann es anfängt. Ich lese immer wieder, dass es sich um „Israel bezogenen Antisemitismus“ handelt. Was bedeutet das aber? Für Adorno fing der Antisemitismus stets mit dem „Gerücht über die Juden“, was immer er damit auch meinte. Das ist aber nicht debatierbar, sondern einfach nur falsch. Deshalb, sagte Adorno, müsse dem „Gerücht“ die Wahrheit entgegengesetzt werden. Wer aber die Wahrheit über den Vernichtungskrieg Israels gegen die Palästinenser, ja die Palästinenser und nicht nur die Hamas oder die Hisbollah, sagt, gilt als Antisemit und wenn er selbst Jude ist, wie ich, dann sogar als „berüchtigter Antisemit“. Wie absurd ist das?

Es wäre wünschenswert und wichtig, wenn die Presse uns endlich aufklärt, was das für „antisemitische Straftaten“ sind, die die FAZ am Anfang ihres Beitrags stellt, die die Statistik angeblich immer wieder ermittelt. Oder ist es nur Kritik an Israels völkerrechtswidrige Politik, die nach § 5 unseres Grundgesetzes erlaubt ist. Nur leider halten sich Politiker und Medien nicht daran.

Das Jahr 2024 endete mit einem Eklat, den die Presse anheizte; so etwa die NZZ, die berichtete:

„Judenhass, Schwurbler und Esoteriker: Evangelische Gemeinden auf Abwegen. Eine Kirche im Bundesland Hessen hat einen antisemitischen Weihnachtsmarkt veranstaltet. Unsere Recherche zeigt, wie katastrophal die Zustände wirklich sind. ….

Die Jüdische Gemeinde Darmstadt hat Strafanzeige gegen die lokale Michaelisgemeinde gestellt…. Die Staatsanwaltschaft ermittelt…“

Antisemitismus ist ein echtes Problem und zugleich ein Schreckgespenst geworden. Zwar leben Juden nach den Beobachtungen der Tribune Juive in den USA ohne antisemitische Belästigungen, aber in Europa ist es anders: Hajo Meyer hatte einst gesagt, dass früher derjenige als Antisemit galt, der Juden hasste, und heute derjenige als Antisemit beschimpft wird, den die Juden hassen. Und den Eindruck habe ich auch.

Der Satiriker Roda Roda wird gern von jüdischen Publizisten wie Broder zitiert; „Aus dem Antisemitismus könnte noch was Rechtes werden, wenn sich nur die Juden seiner annehmen würden“.

Inzwischen haben sich jüdische Funktionäre und Politiker seiner wirklich angenommen und zeihen jüdische Friedensaktivisten und Gelehrte als Antisemiten. Deutsche Akademiker, Unidirektoren, Oberbürgermeister und Sparkassendirektoren verweigern Friedensaktivisten und Gelehrten  – auch wenn sie jüdisch sind  –  das Recht der Meinungsfreiheit verwehren. Statt der SA können sie die Polizei aufmarschieren lassen, wie es im Sommer 24 zur Sprengung des von der „Jüdischen Stimme“ mitveranstalteten Palästinakongresses geschah. Den unerwünschten Juden wird einfach „jüdischer Selbsthass“ unterstellt. Wie soll man dieses „rätselhafte Phänomen“ verstehen? Was motiviert jüdische Funktionäre wie Josef Schuster und Charlotte Knobloch, oder jüdische Intellektuelle wie Broder und Wolffsohn, sich derartig verächtlich gegenüber anderen Juden zu äußern? Menschen, die behaupten, in Israel passiere    – abgesehen vom Holocaust –  Vergleichbares zum Dritten Reich, sind nach Broders Überzeugung Antisemiten. Dabei räumte er in der Jüdischen Allgemeinen selbst ein, dass Israelis – und er meinte Juden – „Täter“ seien, ein Begriff, der sonst nur in Bezug auf „Nazis“ angewendet wird, sind. Ja, was gilt denn nun?

Die überwiegende Mehrheit der Deutschen verabscheut die jüngsten Angriffe auf Juden und jüdische Institutionen, und nimmt sie sehr ernst. Manche jüdischen Funktionäre allerdings bauschen die Ereignisse derart auf, als sei das Dritte Reich kurz vor der Auferstehung von den Toten. Die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ sei der erste Vorbote der antisemitischen Pogrome. Schuster, Broder und Knobloch, um nur wenige zu nennen, tun so, als ob der Antisemitismus die finale Phase der Endlösung der Judenfrage eingeläutet habe, reden, als stünde ein zweites Auschwitz vor der Tür. Sie unterstützen damit die amerikanische Anti-Defamation League (ADL), die sich mehr als alle anderen Organisationen bemüht, das Bild eines aufkeimenden Antisemitismus in Europa zu verbreiten. Wie kommen sie auf diese Idee?

Bürger überall auf der Welt, darunter auch etliche Juden, haben aus den Ereignissen der letzten 80 Jahre gelernt, eine Hemmschwelle zu überwinden, und Israels Politik und Kriegsverbrechen so zu kritisieren, wie sie es bei allen anderen Völkern üblich ist.

Solches darf nach Meinung mancher Juden nicht vorkommen (Ahavat Israel). Für Juden ist es daher grundsätzlich schwierig, sich von Israels Übergriffen zu distanzieren, bei anderen Gelegenheiten dagegen auch leichter als es Nichtjuden fällt. Letztere sind immer einer Art moralischer Erpressung durch Zionisten ausgesetzt, vor allem in Ländern wie Deutschland mit seiner antisemitischen Vergangenheit. Sie müssen sich dann doppelt für ihre Stellungnahme rechtfertigen. Juden werden allerdings auch unter besonderen Druck gesetzt, oft von ihren Familienangehörigen. Man nennt sie zwar nicht Antisemiten, aber dafür Nestbeschmutzer, Vaterlandsverräter, oder auch „koschere Antisemiten“ unabhängig davon, ob Israel ihr Vaterland ist oder nicht.

Gelegentlich wird unsere Neigung zu empörten Reaktionen gefordert, die eine legitime Kritik an der israelischen Politik und ihren Praktiken verlangen. Wenn Palästinenser rücksichtslos enteignet, schnöd entrechtet, willkürlich eingesperrt, vertrieben und nicht seltengetötet werden, ist es ganz und gar nicht antisemitisch, die Taktiken des Boykotts, des Investitionsentzugs und Sanktionen (BDS) als gewaltfreie politische Maßnahmen gegen eine Macht zu verteidigen, die wie eine historische Kolonialmacht sich über die politischen Rechte einer Minderheit hinwegsetzt. Man muss nicht der BDS-Kampagne nahestehen, um  sie als eine legitime politische Äußerung der Betroffenen, zu akzeptieren. Auch ohne, dass jemand die BDS unterstützen möchte, muss man zugeben, dass diese Bewegung nicht zensiert oder für ihre Ansichten bestraft werden darf. In den USA ist bisher jeder Versuch, Gesetze zu erlassen, um die Unterstützung der BDS-Kampagne zu verbieten oder zu kriminalisieren, an der Verfassung der USA gescheitert. Entsprechende Bestimmungen höheren Rechts finden sich auch in den Urkunden über die Menschenrechte und sogar im Grundgesetz. Leider werden solche von vielen Stadtverwaltungen, von Köln bis München und Hamburg bis Frankfurt ignoriert. Sie stehen im Gegensatz zu einer fiktiven „Staatsraison“. Dennoch können die Kommentatoren der Verhältnisse nicht um eine Diagnose herumkommen, dass zwischen der Feindschaft gegenüber Juden und der Gegnerschaft zur Politik Israels ein Zusammenhang besteht. Dieser führte dazu, dass europäische Antisemiten häufig Sympathien für Israel erklären: je schlechter sich Israel benimmt, desto höher steigt das Land in ihrer Wertschätzung. Und je mehr Israel in der Schätzung neo-nazistischer Parteien steigt, desto mehr fühlen sich deutsch-jüdische Patrioten diesen Parteien verbunden. Der jüdische Publizist Henryk M. Broder machte im Frühjahr 2019 eine europäische Begegnungstour mit rechten und ultrarechten europäischen Parteien. Er begann mit der AfD, wo er von der Parteivorsitzenden Weigel herzlich umarmt wurde, und ist inzwischen, wie man hört, auch schon bei der FPÖ gewesen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis er nach Ungarn und Polen reist.

Es ist die Politik der israelischen Regierung, vor allem in den letzten Jahrzehnten, die rudimentäre antijüdische Gefühle verstärkt und gleichzeitig Sympathien bei rechten Parteien gewonnen hat. Im Grunde hat Israel selbst erheblich zum Wiederaufleben des Antisemitismus beigetragen. Das ist freilich ein Ergebnis, mit dem viele israelische Politiker keineswegs unglücklich sind. Denn die zionistische Ideologie Herzls setzt einen virulenten Antisemitismus voraus.

Geht es den meisten Deutschen, die täglich über Israel und den Antisemitismus schreiben, wirklich um Israel und um die Bekämpfung des Antisemitismus, oder nur um ihre Selbstdarstellung? Wenn ich z. B. an den Frankfurter Bürgermeister Uwe Becker denke oder an die Frankfurter „linke“ Aktivistin Jutta Ditfurth, dann kommen mir Zweifel an deren Ehrlichkeit. Sie wollen zeigen, wie sehr sie sich von den Verbrechen des Dritten Reiches und ihren eigenen Familientraditionen distanziert haben, und dass sie echte „Gutmenschen“ geworden sind. Jutta Ditfurth hat zugegeben, dass ihre Familie antisemitisch war. Dass sie durch ihre zwanghafte Läuterungsdemonstration die Rechte und Würde dritter Menschen verletzen, Moslems, Christen und Juden, wollen sie nicht wahrnehmen. Sie denken, dass ein einseitiges, blindes Eintreten für  israelische Positionen das Gebot der Stunde sei. Dabei sind diese ganz und gar keine jüdischen Positionen, für die sie sich stark machen, denn das Judentum lehnt Rassismus und Menschenverachtung ab. Wollen sie die Ermordung jüdischer Semiten dadurch ausgleichen, dass sie heute moslemische Semiten diskriminieren und vertreiben?

Es vergeht doch seit Jahren kein Tag an dem nicht in irgendeiner Zeitung, im Rundfunk oder im Fernsehen, über Antisemitismus geschrieben wird. Meistens dozieren vermeintliche Experten, die wenig Ahnung von Judentum und kaum Kenntnisse über Israel haben, und daher wie Blinde über Farben reden. Der Versuch, die anstößige israelische Politik mit dem Holocaust zu rechtfertigen, widerspricht den moralischen Grundsätzen des Judentums. Wenn ein Deutscher mit Blick auf Auschwitz zu den Maßnahmen Israels eine Meinung hat, dann schweige er besser taktvoll und diskret. Das ist das Einzige, was der Holocaust rechtfertigen kann; er kann aber nicht die Maßnahmen der israelischen Regierung gegen Araber rechtfertigen. Es ist offensichtlich, dass wir nicht vor der Gefahr eines zweiten Auschwitz stehen, auch wenn Hetzer wie Josef Schuster vom Zentralrat der Juden, Charlotte Knobloch, Präsidentin der Jüdischen Gemeinde in München oder der Hofjude und Hofnarr Henryk M. Broder immer wieder diese Vorstellung beschwören. Sie verunsichern damit nur ihre geistige Klientel, die angeblich auf gepackten Koffern sitze. Noch nie sind Juden sicherer gewesen als heute. In den USA, in Europa und auch in Deutschland leben Juden friedlich und zumeist in Wohlstand.

Schaut man aber nach Israel, dann kann einem schwindlig werden. Seitdem Benjamin Netanjahu an der Regierung ist, gleitet Israel ohne Halt nach rechts. Es nähert sich immer mehr einem wirtschaftlichen Abgrund. Nationalismus und Rassismus bestimmen die Richtlinien Netanjahus Politik.

Statt aber die Gründe für diese Entwicklung in der israelischen Politik zu suchen, holt man lieber die Antisemitismus-Keule hervor. Die Völkergemeinschaft, die Europäer und vor allem die Deutschen werden als Judenhasser in verletzender Weise diskreditiert. Man schreckt nicht einmal vor Beleidigungen zurück. Die Taktik ist klar: man zeigt auf andere, um von seinen eigenen Problemen abzulenken. Und wenn das internationale Strafgericht in Den Haag gegen Benjamin Netanjahu einen Haftbefehl erlässt, wegen der Beteiligung an Kriegsverbrechen, dann ist die Antwort Netanjahus und der israelischen Öffentlichkeit: Die Richter sind Antisemiten.

Zwar trifft Deutschland wohl eine Schuld daran, dass es so weit kommen konnte, aber es hilft weder den Juden noch den Israelis und auch nicht den Palästinensern, wenn man immer nur zurückblickt und sich weigert, nach vorn zu schauen. Es stimmt, ohne den deutschen Nationalismus und Rassismus hätte es in den dreißiger Jahren nicht die massive Einwanderung nach Palästina gegeben. Ohne die britische Mandatsmacht, die diese Einwanderung begünstigt hat, hätten wir nie die Probleme von heute bekommen. Aber wir sollten auf die heute anstehenden Probleme schauen und nicht in der Vergangenheit nach Rechtfertigung suchen. Wir sollten vor allem nach Recht und Gerechtigkeit streben und dem Propheten Jeremias nacheifern, der gerufen hat: „Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst du nachlaufen.“

Der angebliche neue Antisemitismus ist letztlich nichts anderes als ein Propagandainstrument bestimmter jüdischer und israelischer Interessen. Für diese ist es geschickt, wenn Antizionismus mit Antisemitismus  vermengt wird. Die Zionisten haben von Anfang an mit den antisemitischen Nazis kooperiert. Bis zuletzt hat Benjamin Netanjahu den Antisemitismus begrüßt, weil er „Juden nach Israel spült“. Kritik an dieser Politik ist nicht einmal Antizionismus, sondern eine nur allzu berechtigte Kritik an der aggressiven, nationalistischen, ja chauvinistischen Politik Israels, die von vielen Juden und Israelis mitnichten antisemitisch bzw. antijüdisch aufgefasst wird. Netanjahu hat sogar versucht, den Mufti von Jerusalem, Hagh al Husseini, für den Holocaust verantwortlich zu machen und behauptet, der Mufti hätte Hitler die Ermordung der Juden ins Ohr geflüstert. Als ob Hitler Ratschläge des Muftis, den er verachtete, nötig hatte. Diese Behauptung wird aber trotzdem immer wieder frisch daher gebetet.

Aber die Kritik kann noch so sachlich, berechtigt und moderat sein, von zionistischer Seite wird stereotyp der Vorwurf erhoben, dass sie „weit über eine sachlich gerechtfertigte Kritik hinausginge.“ Man hört immer wieder von prozionistischen Kreisen, vom Zentralrat der Juden und anderen jüdischen Hasspredigern, dass man selbstverständlich Israel kritisieren könne und dürfe. Wenn man es aber tut und nicht etwa Israel, sondern dessen Politik kritisiert, dann wird man umgehend als Antisemit verleumdet. Diese zionistische Kritikabwehr wurde und wird derart überzogen, dass sie immer weniger Menschen überzeugt und auch immer mehr Juden und Israelis abstößt.

Inzwischen ist eine radikal chauvinistische Partei aus der Asche wieder auferstanden. Es ist eine israelische Nazi-Partei, die in eine Koalition rechter Parteien in das israelische Parlament einzog, gefördert von Benjamin Netanjahu, der so hofft, mit deren Hilfe an der Macht zu bleiben. Kein Wunder, wo doch schon sein Vater, der jahrzehntelang Sekretär des rechtsradikalen jüdischen Politikers Ze‘ev Jabotinski war, des Ahnherrn der heutigen rechten Parteien, ein bekennender Faschist und Bewunderer von Mussolini war. Seine paramilitärische Beitar-Jugend brachte sich mit braunen Hemden zur Geltung.

Das Panier der neuen Kach-Partei lautet: Entfernung aller Nichtjuden aus Jerusalem, Aberkennung der israelischen Staatsbürgerschaft für alle nichtjüdischen Israelis und Kontaktverbot zwischen Juden und Arabern. Die Nazis in Deutschland dürften sich freuen und manche Juden auch. Manche sind schon der AfD beigetreten und verteilen dort fleißig Persilscheine.

Ich habe lange geglaubt, dass es zwecklos und entwürdigend ist, mit solchen jüdischen Chauvinisten zu diskutieren. Das würde ihnen bloß Legitimität verschaffen. „Es gibt jedoch Zeiten, in denen Absurditäten zu politischen Tatsachen werden und nicht mehr ignoriert werden können“, schreibt Omer Bartov. Wir müssen uns wohl oder übel mit diesen Leuten auseinandersetzen, nicht nur, indem wir ihre gewalttätigen, rassistischen Vorstellungen entlarven, sondern indem man ihnen Grenzen setzt, und sei es mittels Boykotts und Delegitimation.

Es ist nachvollziehbar, dass fanatische Zionisten uns nicht mögen. Wir mögen sie auch nicht. Der Unterschied ist nur, dass wir sie nicht daran hindern, ihre Meinung zu sagen oder Israel-Tage zu veranstalten, während sie alles tun, um unsere Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Es ist ein Skandal, wenn der Zentralrat der Juden und jüdische Funktionäre linken jüdischen Intellektuellen Antisemitismus vorwerfen, weil diese sich für die Rechte der Palästinenser und einen gerechten Frieden in Israel einsetzen. Und es ist ein noch größerer Skandal, dass deutsche Funktionsträger (der Bürgermeister in Göttingen, die dortige Unipräsidentin, der Antisemitismusbeauftragte, etc.…), sich dieser Verleumdungskampagne unterwerfen und sich gegen die Vergabe des Göttinger Friedenspreises an die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ wenden.

Besonders ärgerlich für uns kritische demokratische Juden ist der Mangel an Sensibilität bei Herrn Josef Schuster, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, der sich nicht geniert, den Bundespräsidenten zu kritisieren wegen seines Glückwunschtelegramms zum iranischen Nationalfeiertag. Schuster schreibt: »Beim Glückwunschtelegramm des Bundespräsidenten zum Jahrestag der Revolution im Iran scheint die Routine‐Diplomatie das kritische Denken verdrängt zu haben.“ Dabei scheint es mir, dass bei Schuster das kritische Denken ausgesetzt hat. Es ist eine ausgesprochene Unverschämtheit, dass beim Thema Iran im Zentralrat offenbar die nötige Sensibilität gefehlt hat. Weiterhin sagte Schuster laut Bild.de: »Ich erwarte vom Bundespräsidenten, dass er die nächste Gelegenheit ergreift, um gegenüber dem Iran unmissverständlich die kritische Haltung der Deutschen zu verdeutlichen, in deren Namen er spricht.«

Josef Schuster hat da aber nichts zu erwarten und sollte sich für diesen Ton möglichst bald entschuldigen. Wir, als Volk, dürfen aber sehr wohl von unserem Präsidenten erwarten, dass er den Israelis „unmissverständlich die kritische Haltung der Deutschen verdeutlicht, in deren Namen er spricht.“

Das Auswärtige Amt hatte dazu erklärt, solche Telegramme seien zu Nationalfeiertagen eine verbreitete Praxis im diplomatischen Verkehr zwischen Staaten. Darauf hat auch das Bundespräsidialamt hingewiesen. Offenbar hat Schuster das nicht eingesehen. Ich habe nirgends gelesen, dass der Zentralrat der Moslems in Deutschland sich beim Bundespräsidenten beschwert hat, weil er 2018 Israel zum 70. Geburtstag gratuliert hat. Da liegt auch der Unterschied zwischen Menschen ohne Erziehung, die davon ausgehen, dass sie alles dürfen, weil sie Juden sind, und kultivierten Menschen, die sensibel genug sind zu wissen, was man nicht tun darf. Einen besseren Beweis, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland nichts anderes ist als eine Filiale der israelischen Botschaft und ein treuer Vertreter der israelischen Propaganda, konnte uns Schuster nicht erbringen.

Er erweist sich damit als getreuer Anhänger der rechtsextremen israelischen Regierung und liefert den Kritikern dieser Politik noch mehr Munition, diese abzulehnen. Es ist wie ein Teufelskreis, in dem wir alle stecken. Seit dem Jahre 2004 verweisen die israelischen Regierungen zunehmend auf den Holocaust, um ihre Unterdrückung der Palästinenser zu rechtfertigen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland fördert ihn dabei, indem er die Gefahr eines neuen Holocaust heraufbeschwört und sich in außenpolitischen Fragen einmischt, die ihn gar nicht angehen. Es ist nicht die Aufgabe eines Zentralratsvorsitzenden Kommentare zur deutschen Außenpolitik zu geben.

Wenn er sich aber für berufen hält, die Außenpolitik zu beeinflussen, dann sollte er sich bei der Politik Israels zu Wort melden und die dortigen Menschenrechtsverletzungen anprangern. Leider ist er aber auf diesem Auge blind. Er will nicht wahrhaben, dass -so sehen es inzwischen viele israelische Kommentatoren –  „Israel zunehmend eine Erosion der Demokratie, ein Erstarken des Rassismus, das Aushöhlen des Rechtsstaates und einen immer rücksichtsloseren Einsatz von Gewalt, erlebt. Kritik an Regierungshandeln wird in Israel regelmäßig nicht nur als antizionistisch, sondern als antisemitisch betrachtet.“

 

 

 

Eine Katastrophe, die zehnmal tödlicher ist als in Gaza

Allerdings verliert fast niemand Worte darüber

Aus der Tribüne Jüive

Völkermord im Gange

Es ist das Problem, dass es hier unmöglich ist, Israel zu beschuldigen, weil es Araber sind, die sudanesische Schwarze töten, die SFR (arabische paramilitärische Truppe, die 2013 aus den Janjaweed-Milizen hervorgegangen ist, die Darfur verwüstet haben).

Letzes Jahr hatte die 10-jährige Naimat die Schrecken des Krieges im Sudan erlebt. Sie überlegte einige Wellen ethnischer Angriffe auf ihre Masalit-Gemeinschaft in der Region Darfur. Bei einem dieser Angriffe wurde Naimat Großmutter tödlich getroffen und ihre ältere Schwester schwer verletzt.

Naimats Mutter fasste ihre 10 Kindern zusammen und floh entlang einer Straße, an der SFR-Mitglieder Sperren errichtet hatten und flüchtende Zivilisten ausraubten, vergewaltigten und sogar töteten. Die Straße war mit Leichen gerade gepflastert.

Naimat und ihrer Familie glückte es, die Grenze nach Adré im Osten des Tschad zu überqueren, wo sich inzwischen mehr als 900.000 andere Flüchtlinge eingefunden haben. Seit Ausbruch der Kämpfe zwischen dem offiziellen Militär des Landes und der RSF im April 2023 herrschen Gewalt und Hunger im Sudan.

Gewalt und Hunger haben bisher mehr als 13 Millionen Sudanesen aus ihrer Heimat vertrieben, was zahlenmäßig zur größten Vertreibungskrise der Welt geführt hat (vgl.: CNN, 20. Oktober 2024).

Seltsamerweise gibt es im ganzen Sudan keine UN-Organisation, die sich um die 13 Millionen Flüchtlinge kümmert, wie z.B. UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East)

Léon Ouaknine

 

Die Welt dreht sich und Deutschland steht still

Ayatollah Khameney liegt im Koma: Iran ernennt seinen Sohn Mojtaba zu seinem Nachfolger. „Iran International“, ein internationales persischsprachiges Medienunternehmen mit saudischem Einfluss, das Gegnern des Mullah-Regimes gehört, berichtet, dass Teheran den Nachfolger des Ayatollahs, Ali Khamenei, in der Person von Mojtaba Khameney, seinem zweiten Sohn, ernannt hat, der alsbald die Nachfolge seines komatösen Vaters antreten soll.

Mojtaba Khameney

Die Iraner werden nicht eher über Ali Khameneys Ableben oder sein endgültiges Siechtum informiert werden, bevor sich die Revolutionsgarden der vollen Kontrolle über die Straßen sicher sind. Ein Umsturz in Teheran soll so verhindert werden.

Obwohl diese Situation eigentlich eine aktivere Militärpolitik des Westens erlauben würde, zeigt sich Europa in seiner vollen Degeneration

 Frankreich“ ließ sich durch ihn (Bild) vor einer Le Pen – Regierung retten; Mélenchon hat die politische Manipulation zu einer großen Kunst gemacht:

Um in Zukunft alle Stimmen der muslimischen Wähler zu sammeln, ist er zu jeder Niedertracht bereit. Schmach und Schandtaten halten ihn nicht zurück. Und er scheut sich nicht, seine eigenen Thesen als bloße Phrasen auszugeben.

Nach Ansicht des Retters soll in der Zukunft in Bezug auf Israel und die Israelis folgendes gelten:

 

 – Sie dürfen beim Eurovision Song Contest nicht singen

-Sie dürfen bei den Olympischen Spielen keinen Sport treiben

-Sie dürfen ihre Produkte nicht verkaufen,

-Sie dürfen sich nicht in einem Verein treffen

-Sie dürfen nicht auf Messen ausstellen

-Sie haben nicht das Recht, Mitglied des Parlaments zu sein.

– Sie haben nicht das Recht, Geistlicher zu sein

-Sie dürfen nicht Fußball spielen.

 Das wären die vorgesehenen Verbote für Juden laut LFI. Diese von Bruno Attals zusammengestellte List erhielt einige Kommentare auf „X“:

 1.

Mélenchon erweckt auf seinen Fotos immer den Eindruck einer ferngesteuerten Puppe, deren Gesten immer übertrieben feindselig sind.

2.

Man muss zugeben, dass der als Spanier in Tanger geborene Mélenchon, damals spanisches Territorium von spanischen Eltern und Großeltern aus Murcia und Valencia, glauben muss, zur Zeit der Inquisition zu leben. Wie konnte dieser kleine Lehrer dank des SNES-Syndikats zu einem linken Islamisten und einem Anti-Franzosen werden, der von einem Frankreich träumte, das von Arabern und Schwarzafrikanern dominiert werden soll? Nur eine immer zunehmende Pathologie kann sein Verhalten an antiweißem, antijüdischem, ja sogar antichristlichem Rassismus erklären. Umgeben von unkultivierten Menschen wie Bojar oder Ebóno, stolziert er herum .

3.

Wie verschiedene Autoritäten vorschlagen, muss nur die Auflösung dieser bellenden und unkultivierten Sekte, die Frankreich beleidigt und seine Werte und Gesetze missachtet, unverzüglich erfolgen, bevor die Gegner andere, radikalere Entscheidungen treffen, die von der Laxheit der Regierung vorgesehen sind, die zwar die Gesetze der Republik durchsetzen soll, die aber durch Macron, die inkompetente Marionette, nichts anderes sagt als: „so ist es eben.“

4. (von „Daniela“)

Sie sind Nazis.

5.

@Daniela in der Tat. Die FI ist eine Nazi-Partei (*). Aber zwischen ihnen und Macron, der EU oder der „Demokratischen“ Partei der USA ist der Unterschied so dünn wie ein Blatt Zigarettenpapier. Ich werde einenanzünden. Gute Nacht.

(*) Deshalb lehne ich den Begriff „Islamo-Linkismus“ ab, der die Dinge falsch benennt und kontraproduktiv ist. Islamofaschismus und Islamonazismus sind dagegen relevante Begriffe.

Wie links Mélénchon auch eingestellt ist, in Deutschland segelt die Jüdische Allgemeine weiterhin gegen den Wind, mal auf dem halblinken Regierungskurs der Deutschen, dann nach einem Manöver unter dem Wind nach Rechts auf israelischem Kurs. Dabei ist der Kurs der Bundesregierung und ihres französischen Partners für Israels Wirtschaft weitaus gefährlicher, als es die BDS je sein könnte:

Der französischen Regierung geht es auch ums Prinzip; ihre politischen Entscheidungen seien nicht justiziabel. Sie hat folglich Berufung gegen die Entscheidung des Verwaltungsgerichts eingelegt, die es israelischen Unternehmen erlaubte, auf einer Verteidigungsmesse auszustellen

Ihr Berufungszweck: Israel von der Teilnahme an zukünftigen Verteidigungsmessen auszuschließen. Weil die Euronaval Naval Defense Exhibition vor etwa einer Woche zu Ende gegangen war, besteht die eigentliche Bedeutung des Rechtsmittels darin, der französischen Regierung zu offen zu halten, Israelis von der Teilnahme an zukünftigen Verteidigungsausstellungen zu auszuschließen, und zwar in Hinblick auf die größte und wichtigste Verteidigungsmesse, der „Paris Air Show“ im Juni 2025. Der Vertreter der französischen Regierung beruft sich darauf, dass das Verwaltungsgericht nicht befugt sei, über die politischen Entscheidungen der französischen Regierung zu entscheiden, und dass daher die Entscheidung des Gerichts, die Teilnahme israelischer Unternehmen an der Ausstellung zu erlauben, nichtig sei.

Aus der Tribüne Jüive